07 | Die kommende Zeit
Müde streckte sie der Maisonne ihr Gesicht entgegen, während Xenia sich im Tragetuch regte. Anstatt direkt nachzuschauen, atmete Elfriede erst einmal durch. Sie hatte gelernt, ihrer Tochter noch einen Moment Zeit zu geben, da diese immer wieder gerne einnickte, solang ihre zehn Wochen alte Pusteblume die Chance bekam. Wobei diese nachts weiterhin der Meinung war, es wäre der perfekte Augenblick, um wach zu sein. Etwas, das weder Heribert noch sein Vater wirklich akzeptierten, da mindestens einer der beiden für die nächste Schicht schlafen musste. Dementsprechend durfte sie immer spazieren gehen und kannte dadurch inzwischen jeden Winkel ihrer neuen Nachbarschaft.
»Hier bist du. Geht es? Wenn du möchtest, kann ich Oma wirklich nach einem Schlüssel fragen. Sie hatte es ohnehin schon angesprochen.« Dankbar blickte Elfriede ihre beste Freundin an. Wie viele Nächte hatte sie inzwischen bei ihr verbracht? Wenn das Wetter unerträglich war, ihre Füße schon taub vom Laufen oder sie wusste, dass Josephine da sein müsste, war sie zu ihr geflohen. Wobei sie ihre Freundschaft nicht überstrapazieren durfte. Denn auch wenn Josephine meinte, dass sie immer Zeit haben würde, so wusste sie nicht, wie gnadenlos ein Kind sich diese nahm. Ihr Mittelpunkt der Welt hatte sich durch das Muttersein verschoben. Von den eigenen Interessen zu diesem kleinen, hilflosen Wesen.
»Das ist lieb, Josephine, aber ich möchte euch nicht zu viel zumuten«, entgegnete Elfriede und schaute weg. Sie konnte es nicht riskieren, ihre beste Freundin ebenfalls zu verlieren. Mit Xenia hatte sie schon die Liebe ihrer Eltern überstrapaziert, weshalb sie zu Heribert, der zwar noch im Elternhaus, aber darin eine eigene Wohnung bewohnte, ziehen musste. So sehr die neue Familie ihr jüngstes Mitglied mochte, am liebsten hatten diese sie dann, wenn sie schlief, ruhig spielte oder sie ihnen zuwinken konnte, weil Mutter und Tochter endlich wieder spazieren gingen …
»Dir ist schon klar, dass du mich nicht loswirst? Du bist meine Anemone seit dem Kindergarten und ich dein Efeu. Mir ist egal, wann oder wo du blühst. Ich werde immer an deiner Seite sein. Wenn es nach mir ginge-«
»Dann hätte ich einen Schlüssel schon vor Jahren bekommen, ich weiß. Aktuell kann ich allerdings nicht sagen, was Heribert davon halten würde«, unterbrach Elfriede ihre Anemone. Es war schon erstaunlich, wie unterschiedlich sie im Vergleich zu Heribert mit der Anwesenheit von Xenia umging. Selbst wenn sie aufbrausend wurde, blieb sie dennoch ruhig in einer so sanften Stimmlage, dass sie die Kleine bisher nicht einmal geweckt hatte.
»Allein, dass er dir das Spazieren zumutet, sollte schon Aussage genug sein«, maulte Josephine unverhohlen.
»Ich weiß. Aber er ist Xenias Vater und wenn wir Zeit für uns haben, ein ganz lieber.« Genervt verdrehte Josephine schnaubend die Augen. »Und du wolltest dich heute doch gar nicht streiten«, stichelte Elfriede.
»Richtig.« Josephine hakte sich unter und fesselte sie mit ihren moosgrünen, vor Freude strahlenden Augen. »Lass uns diesen Höhepunkt unserer Schullaufbahn genießen. Egal, mit wem ich gesprochen habe, niemand kann sich erinnern, dass schon einmal ein so großer Wettbewerb und so eine große Kooperation stattgefunden hat.«
»Was aber mit daran liegt, dass Schule und Universität nun unter der Schirmherrschaft der Haders läuft.«
»Der Grund ist doch egal, Hauptsache, du holst dir dieses Stipendium ab.« Elfriede konnte den Kopf über die Zuversicht ihrer Freundin nur schütteln. Während sie gemeinsam in die Aula liefen, wanderte sie mit dem Blick über das Plakat, das neben dem Eingang hing. »Großer Fotowettbewerb«. Was für eine Untertreibung.
Das Aufgebot für den Doppelwettbewerb war gigantisch. Einer für Schüler und einer für Studenten mit Preisen, bei denen es einem schwindlig wurde. Anfangs war das Formular für die Teilnahme sehr simpel gehalten worden. Nicht viel mehr als eine Liste, um seinen Namen einzutragen. Als diese aber innerhalb des ersten Tages des Aushangs vollständig gefüllt war und die Leute begannen, ihre Teilnahme an den Seiten zu ergänzen, war klar, dass das Interesse deutlich höher als erwartet war. Deshalb wurde ruckzuck ein neuer Anmeldebogen mit mehr Kontrolle erstellt, der von jedem Teilnehmer ausgefüllt werden musste.
Für die Preisverleihung hatten sie die Aula in eine Fotoausstellung verwandelt, mit unzähligen Trennwänden, an denen zahllose Einreichungen hingen. Wobei das vor allem im vorderen Bereich der Halle der Fall war. Im Vorfeld waren die Bilder ein wenig kuratiert worden und je näher man der Bühne kam, desto mehr Platz wurde den Einreichungen eingestanden.
Elfriede hatte zwar Vertrauen in ihre Fähigkeiten, da sie nicht einen wahllosen Schnappschuss eingereicht hatte, sondern ihre Fotografie aufwendig geplant und ausgearbeitet hatte. Allerdings rechnete sie nicht wie ihre Freundin damit, dass sie sich gegen die gesamte Konkurrenz durchsetzen könnte. Ein Platz auf dem Treppchen oder zumindest bei einem der gewinnenden fünfundzwanzig Plätze wäre schön, aber bei der Teilnehmerzahl? Klar, einige Motive wiederholten sich, waren nicht einzigartig und aus keinem guten Winkel geschossen. Aber die Teilnehmerzahl war einfach so hoch.
Mit jedem weiteren Schritt wurde Elfriede nervöser. Obwohl sie schon die halbe Halle abgelaufen hatten, war ihr eigenes Bild ihr bisher nicht ins Auge gesprungen. War es vielleicht gar nicht aufgehangen worden? Ja, sie hatte ihr Bild kurz vor knapp abgegeben. Also am letzten möglichen Tag. Aber eigentlich war es noch rechtzeitig gewesen. Dachte sie zumindest.
Unsicher klammerte sie sich noch enger an den Arm ihrer besten Freundin. Ohne sie wäre dieser Gang durch die Halle unerträglich. Wieso hatte sie überhaupt ein Bild eingereicht? Damit Frau Mayer ihr doch noch die bessere Mathenote gab? Von ihr hatte sie den Flyer bekommen, noch bevor dieser offiziell in der Schule ausgehangen worden war. Und dann den Anmeldebogen, damit sie die Teilnahme ja nicht verpasste, egal, was mit der Liste noch geschah.
In der letzten Stunde hatte diese auch gemeint, dass sie es gar nicht mehr abwarten konnte bis zur Ausstellung. Jeder müsste kommen. So viele unglaubliche Bilder, auch von jemandem aus ihrer Klasse. Dabei hatte Frau Mayer verschwörerisch zu ihr geschaut, was ihr unangenehm war. Auch wenn alle wussten, dass sie fotografierte und ein Teil von der Schülerzeitung und Foto-AG war, so teilte sie ihre persönlichen Bilder kaum. Wobei sie in dieses Foto unfassbar viel Zeit gesteckt hatte. Von der ersten Idee bis zur Abgabe hatte sie zahllose Stunden und Nächte darin investiert. So viel, dass manche Lehrer schon überlegten, ob man ihr den Schülerzeitungsschlüssel nicht abnehmen müsste, da sie die Schule wiederholt mitten in der Nacht betreten und verlassen hatte. Und jetzt hing ihr Bild nicht einmal. Dachte sie, bis sie plötzlich davor stand.
Direkt vor der Bühne waren sechs Wände aufgebaut, an denen jeweils ein Bild hing. Offenbar die Treppchenbilder, einmal von den Schülern und einmal von den Studenten. Und ihr Bild hing dabei? Das war doch verrückt. Gab es Grund zu hoffen?
Ihr stockte der Atem, als sie das Werk neben ihrem sah. Ein scheinbar glückliches Familienbild. Jeder an der Schule wusste um das Unglück von Jackie, den tragischen Unfall. Aber sie so mit ihrem Freund und einem jungen Mädchen zu sehen. Es war, als wollte es einen erinnern, dass sie ein glückliches Leben gehabt hatte. Das Bild würde den ersten Platz belegen. Sosehr Elfriede ihre Einreichung auch mochte, diesem Meisterwerk konnte es nicht das Wasser reichen.
»Sehr geehrte Schülerinnen und Schüler, bitte findet euch vor der Bühne ein. Wir möchten euch die Gewinner des Fotowettbewerbs vorstellen.« Elfriede hörte zwar, dass ihr Direktor etwas erzählte, aber sie schaffte es nicht zuzuhören. Das Bild fesselte sie dermaßen, dass sie ihren Blick nicht lösen konnte. Ihre Gedanken wanderten um die Szene. Wie sie da zusammen in der Natur saßen, im Hintergrund ein Fluss und Bäume, welche durch die bewusst genutzte Unschärfe verschwammen. Der Fokus des Betrachters wurde automatisch auf die Personen gelenkt. Die Fröhlichkeit des Bildes war geradezu greifbar. Neugierig wanderte sie mit ihrem Blick zum daneben hängenden Namensschild. Raymond Wolf. Ihr Bruder? Was er wohl beim Betrachten empfand? Als Gewinner würde er sich bestimmt zu seinem Bild äußern dürfen. Vielleicht würde er ihnen verraten, was der Anblick in ihm auslöste. Allein einen so intimen Moment zu teilen, war unfassbar mutig. Wenn es nach der Preisverleihung die Chance geben sollte, mit ihm etwas zu fachsimpeln, musste sie diese unbedingt nutzen.
»Elfriede!«, zischte Josephine wie im Unterricht, wenn der Lehrer sie beim Träumen erwischte. Verwundert schaute sie ihre Freundin an. »Der Direktor.« Sie deutete zur Bühne. Verwirrt folgte Elfriede ihrem Blick und bemerkte, dass ihr Direktor sie erwartungsvoll anschaute.
»Bitte?« Zu ihrer Überraschung lachten viele.
»Mir ist durchaus bewusst, dass der erste Platz überwältigend sein kann, dürfte ich dich dennoch zu uns auf die Bühne bitten?« Verdattert versuchte Elfriede zu verstehen, was sie da gehört hatte.
»Raymond Wolf hat nicht den ersten Platz?«
Ihr Direktor schüttelte freundlich lächelnd den Kopf. »Nein, meine Liebe. Das ist dein Platz.«