08 | Möglichkeiten
»Darf ich fragen, wohin es dich nach der Schule verschlagen hat?« Raymond nippte gedankenverloren nickend an seinem Tee. Wo er wohl war? Vor ihrer Erzählung hatten sie noch so munter die Getränke und das Essen aufgeteilt. Die heiße Schokolade hatte Xenia bekommen und den Kaffee sie. Dann war ihre Kleine direkt über die Pancakes hergefallen. Währenddessen hatte Raymond sich zurückgelehnt und all seine Aufmerksamkeit ihr geschenkt. Gebannt hatte er ihrer Erzählung von neunundneunzig gelauscht, dem Tag der Preisverleihung, welche ihr den Weg geebnet hatte. Immer wieder nickte er verständnisvoll, wobei er mit jedem ihrer Sätze weiter abzudriften schien. Sein Blick war inzwischen unscharf ins Nichts gerichtet. War für ihn die Erinnerung an den Tag so unangenehm? Aber wieso? Einfach nur, weil er bei der Verleihung nicht anwesend sein konnte? Oder war an dem Tag etwas vorgefallen? »Wenn du nicht antworten möchtest, ist das vollkommen in Ordnung. Ich war einfach neugierig.«
Seufzend holte er Luft. Dabei wurde sein Blick wieder klarer und er schaute sie mit seinen haselnussbraunen Augen direkt an. Dabei wirkte er unsagbar müde. Lastete noch etwas auf ihm?
»Ich brauchte etwas mit Stabilität. Aber mir fehlte die Geduld zu studieren, sonst wäre ich meinem Bruder vielleicht ins Jura- oder Wirtschaftsstudium gefolgt.« Scheinbar über sich selbst verärgert, schüttelte er den Kopf, bevor er fortfuhr. »Daher habe ich das Erstbeste genommen, bei dem ich dachte, dass es niemals Erschütterungen geben würde.«
Elfriede schaute von ihrem Kaffee auf, von dem sie nur einen Schluck genommen hatte, um den Blickkontakt für einen Moment zu brechen. Sein Blick hatte sich währenddessen keinen Zentimeter bewegt. Sie wollte ihre Zweifel nach Neugier aussehen lassen, aber seinem versucht verborgenen gequälten Ausdruck nach zu urteilen, gelang ihr das mehr schlecht als recht.
»Tja, falls du noch keinem begegnet sein solltest, du siehst einen gescheiterten Bankkaufmann.«
Ihr Lachen schallte durch den gesamten Garten. Man konnte als Bankkaufmann scheitern? Beim Verwalten vom Geld anderer? Das wirkte dermaßen surreal. Klar, die Wirtschaft war angespannt, aber so? »Bitte entschuldige«, meinte Elfriede von ihrer eigenen Reaktion etwas peinlich berührt.
»Alles gut«, entgegnete er, um es offensichtlich herunterzuspielen, »ich bin auch noch keinem weiteren begegnet.« Unentschlossen pfriemelte sie am Henkel ihrer Tasse. Wäre es ihm unangenehm, wenn sie das fragen würde? Sie hatte schon über ihn gelacht, also warum die Neugier noch zurückhalten?
»Mit der Begründung kann ich schon verstehen, warum man den Beruf auswählt. Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann, ist, warum du dich für die Ausbildung entschieden hast, wenn du mit deiner Fotografie bereits damals so weit warst. Klar, mit dem zweiten Platz hast du kein Stipendium erhalten, aber dennoch einen Studienplatz und unter anderem auch die Kamera, wenn ich mich nicht täusche.« Sein Blick huschte zu seiner, die immer noch an der Ecke lag, nun aber mit ihrer kuschelte.
»Tut mir leid, dich zu enttäuschen, aber die Kamera hatte ich schon davor. Mit der habe ich auch das Bild geschossen, das ich eingereicht habe.« Also hatte er schon damals eine digitale Kamera. Den Luxus hatte sie erst nach dem Wettbewerb kennenlernen dürfen. Mit ihm hätte sie sich nicht mit der Digitalisierung ihrer entwickelten Bilder herumschlagen müssen. Aber dennoch war sie froh über diesen Lernprozess. Dadurch hatte sie das Handwerk von Grund auf gelernt. »Wie meinst du das eigentlich, dass mein Bild bei dir hängt? Der große Druck hängt, soweit ich weiß, immer noch im Kunstbereich der Schule.« Überrascht schaute Elfriede Raymond an.
»Es wurden Prints verkauft. Primär nur von den Gewinnerbildern, teilweise aber auch von anderen Plätzen. Das müsstest du doch mitbekommen haben?« So schräg wie Raymond den Kopf aber legte, hatte er offensichtlich nichts davon gewusst. »Du musst doch auch Ausschüttungen erhalten haben.«
»Hast du etwa?« Seine Verwirrung war unüberhörbar.
»Nicht so hoch, dass ich davon hätte leben können, aber es war ein nettes Sümmchen, mit dem ich endlich ein absicherndes Polster auf meinem Konto hatte. Ohne das wäre der Start an der Uni etwas zwischen holprig und Bruchlandung gewesen. Zudem hätte mein Ex mir das Studium wahrscheinlich untersagt.« Allein bei dem Gedanken hörte sie seine überschlagende Stimme. Dass sie die Schule beendete, war keine Frage gewesen. Jedoch danach nicht direkt als Vollzeitmutter zu Hause zu bleiben, sondern studieren gehen? Ein weiteres von zahllosen Puzzleteilchen, die nicht in Heriberts Weltbild passten. »Dadurch habe ich gelernt, dass man mit Abzügen gutes Geld verdienen kann.« Raymond schaute sie noch zweifelnder an. War es so unglaubwürdig? Vielleicht hatte er noch nie darüber nachgedacht. Wahrscheinlich waren ihm vor allem richtige Fotografen, Journalisten und Fotogeschäfte geläufig, weshalb die Palette an Zwischenmöglichkeiten in seiner Wahrnehmung bisher nicht existierte.
»Und damit verdienst du Geld? Indem du Abzüge verkaufst?« Musste er so misstrauisch klingen, als würde sie einem illegalen Gewerbe angehören?
»Unter anderem. Wenn Freunde oder Bekannte ein hübsches Bild für ihre Wohnung möchten, dann können Sie mein Portfolio durchblättern. Alternativ widme ich mich auch ihrem persönlichen Bilderwunsch, wenn es mein Interesse weckt. Wenn man ein passendes Motiv gefunden haben sollte, setzte ich mich mit ihnen zusammen, wir besprechen Größe, Rahmung und Verglasung. Bei Wunsch helfe ich natürlich auch beim Aufhängen.«
Raymond zog genauso skeptisch wie Heribert die Augenbraue in die Höhe. Wie sehr sie diesen Ausdruck hasste. Dabei hatte sie damals versucht, es Heribert wirklich verständlich zu erklären. Bei seinem historischen Weltbild war es kein Wunder, dass sie auf Granit biss, hatte Josephine ihr damals auch prophezeit und Recht behalten. Sollte Raymond dem Thema aber nicht offener gegenüber sein? Schließlich hatte er sie gebeten, sich mit ihr darüber zu unterhalten. War er überhaupt an echten Informationen über die Möglichkeiten interessiert? Oder war er der Meinung, es gäbe als Fotograf nur den einen Weg?
»Klingt nicht gerade günstig«, entgegnete er kritisch.
»Ist halt etwas anderes, als sich ein Poster aus der Bravo aufzuhängen.« So pampig wollte sie ihn gar nicht anfahren. Aber etwas an seiner Art erinnerte sie zu sehr an Heribert. Was sie nur daran erinnerte, wie sehnsüchtig sie dem Abschluss dieser beschissenen Scheidung entgegenfieberte. Jedoch half es nichts, die Nerven zu verlieren. Sie musste das Ganze vernünftig angehen. Mit zweifelnder Klientel kannte sie sich doch aus. Schließlich hielt kaum einer der Männer und Freunde von ihren Kundinnen etwas von ihrer Arbeit.
Diese waren auch nur wegen ihrer Unwissenheit negativ kritisch. Sobald sie die Vorzüge ihrer Arbeit erkannten, wurden sie häufig Stammkunden, um mit ihrer Hilfe der Freundin immer wieder eine Freude zu bereiten. Durch ihren Service waren schon manche Beziehungen von wackligen Beinen hin zu sicheren Gewässern geführt worden. Teilweise hatte sie sogar Hochzeiten und Kinder ablichten dürfen und das allein während ihrer Studienzeit. Was die nächsten Jahre ihr noch alles bieten könnten, waren Traumschlösser, über die sie gerne vor dem Einschlafen nachdachte.
Das war es! Sie musste ihn treffen, damit er sich auch dafür begeistern konnte. Oder zumindest verstand, warum sie damit erfolgreich war. Wobei sie dafür mehr von ihm wissen musste. Sie versuchte ruhig zu bleiben, da sie nun endlich eine der Fragen stellen konnte, die schon so viele Jahre unter ihren Nägeln brannte.
»Warum fotografierst du?« Bei der Frage veränderte sich etwas in seinem Blick. Er zögerte, als wäre er sich über seine Antwort unsicher. Hatte er auch darüber nie nachgedacht?
»Ich habe es von klein auf gelernt«, antwortete er zögerlich.
»Komischer Grund. Willst du es denn überhaupt machen?«, fragte Xenia vollkommen unbefangen, während sie von ihrem leeren Teller aufschaute. Erschrocken schaute Elfriede ihre Tochter an. Sie hatte die gleiche Frage stellen wollen, nur nicht die passenden sanften Worte gefunden. Nervös schaute sie zu Raymond. Es schien ihn nicht zu stören. Stattdessen nickte er?
»Stimmt schon.« Er wandte sich direkt zu Xenia. »Du musst wissen, meine Mama hat mir das Fotografieren beigebracht. Ich fand es doof, dass in unserem Flur so wenige Bilder von ihr und uns Kindern hingen. Also habe ich ihr anfangs die Kamera geklaut, um Bilder von ihr zu schießen. Dann hat sie mir beigebracht, wie es richtig geht. Und jetzt fühlt es sich falsch an, keine Kamera in der Hand zu halten. Mit einem Bild kann man die Zeit einfangen, wodurch ein flüchtiger Moment zeitlos wird. Quasi Zauberei.« Nun nickte Xenia verstehend.
»Du willst also die Zeit festhalten?« Raymond begann zu schmunzeln, lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Fast, als hätte ihm nur etwas kindliche Perspektive gefehlt.
»Glaube schon. Und vielleicht auch anderen zeigen, wie ich die Welt sehe.«
»Willst du das wie Mama machen?« Unentschlossen blickte er zwischen ihr und Xenia hin und her. Schmunzelte, als hätte er jetzt den Wert ihrer Arbeit erkannt.
»Wahrscheinlich sollte ich mir mal anschauen, wie deine Mama das genau macht.« Dann wand er sich an sie. »Bitte entschuldige. Ich glaube, ich war dir nicht ganz fair gegenüber, obwohl du deinen Vormittag und dein Frühstück mit einem Wildfremden teilst.« Sie lächelte.
»Wir sind doch alle misstrauisch, wenn uns jemand aus unserem Schneckenhaus herausholen möchte, egal wie gut gemeint es sein mag.« Nun lächelte auch er dankbar.
»Wie war das Studium denn für dich? Hat es dir genutzt?«, wollte er geradezu interessiert wissen. Erstaunlich, wie schnell sich die Perspektive öffnen konnte.
»Für das Fotografieren selbst? Nicht so viel, wie ich mir vorgestellt hatte. Aber für das Ganze drumherum? Theorie, Kunden, Geschäftspartner? In Kombination, wen man durch das Studium kennenlernt? Unbezahlbar.«