06 | Struktur

Müde betrachtete er die Blume auf dem Tisch, nippte dabei gedankenverloren an seinem Wasser. Wieso war er schon wieder im Kolibri? Während er am Abend so schnell geflohen war?

Um etwas Struktur zu haben, hatte er Philo zur Schule gebracht. Wobei sie sich kaum unterhalten hatten, da sie auf ihre Musik vor dem Unterricht nicht verzichten konnte. Für ihn hatte sie nur einen Kopfhörer getragen. Allerdings hatte er gar nicht so viel zu sagen gehabt. Hatte er nur ihre Gesellschaft gebraucht?

»Lediglich ’nen Wasser? Magst nichts Anständiges trinken und frühstücken?« Wann war Ole an seinen Tisch getreten? Er hatte weder Block noch Stift zur Hand, trug aber noch seine olivgrüne Wachsjacke. Dann war er wohl gerade gekommen, um seine Schicht im Café anzutreten.

»Wäre nett, aber dann müsste ich mich für etwas entscheiden.« Ole lachte amüsiert auf.

»Kenn’ ich. Brauchst dir keinen Kopf zu machen, ich bring dir gleich was.« Bevor Raymond einen Einwand finden konnte, war der Student ins Gebäude verschwunden. Was studierte er überhaupt? Gefühlt hatte er bei jedem Gespräch von einem vollkommen anderen Studiengang erzählt. Bisher von Mathematik, Theologie, Kunst und Biologie. Als müsste er sich auf nichts festlegen. Und im Gegensatz zu ihm hatte er sogar einen Job.

Nach der Ausbildung hatte die Bank zu ihm gemeint, der befristete Vertrag wäre geläufige Praxis. Sie würden sich einfach immer wieder zusammensetzen und miteinander reden, wie man sich die gemeinsame Zukunft vorstellt. Bis dahin klang es auch gut. Dementsprechend hatte er die jährliche Befristung seines Vertrags akzeptiert. Zudem waren die Konditionen für ihn immer besser geworden. Nur war die Stimmung bei ihrem dritten Treffen vollkommen anders. Im Gegensatz zum ersten und zweiten Mal hatte er sich keine Notizen erstellt, da er sich sicher fühlte und seine Argumente, die er für sich vorbringen wollte, auswendig kannte. Doch zu diesen kam er gar nicht. Stattdessen strichen sie gleich die Segel, da sie seine Stelle aufgrund von Kostengründen angeblich abbauen müssten. Das hatte er nicht kommen sehen.

Und so startete er das Jahr zweitausendsieben ohne Job. Weil er noch zu Hause wohnte, hatte er das meiste seines Gehalts angespart. Papa hatte die fehlende Vertragsverlängerung mit einem schwachen Lächeln quittiert und gemeint, er würde seinen Weg schon finden. Was bisher darin mündete, dass er verloren mit seiner Kamera durch die Straßen gezogen war. Dabei hatte er immer wieder faszinierende Momente gefunden, die er festhielt. Wobei kein Foto so faszinierend war wie das von Ophelia. Aber was sollte er jetzt mit den Bildern anstellen? Nur davon, dass sie auf seiner Festplatte lagen, würden sie ihn nicht weiterbringen.

»So, ein Frühstück für unentschlossene, verlorene Seelen. Lass es dir schmecken«, meinte Ole, schob die Spiegelreflexkamera an den Rand des Tisches und stellte ihm dabei ein überladenes Tablett hin. Rührei mit Speck, Obstsalat, Pancakes, ein Croissant, ein Muntermacher-Muffin, dazu eine heiße Schokolade, ein Espresso, Tee und sogar noch Apfelsaft. Alles als kleine Portion, sodass es kombiniert ein wirklich ausgiebiges Frühstück ergab. Verdattert schaute Raymond von dem Tablett zu Ole und wieder zurück.

»Das gibts auf der Karte doch gar nicht.«

»Mag sein«, entgegnete Ole, während er auf die Seitentür zusteuerte, »dennoch ist das dein Frühstück.« Raymond wollte protestieren, aber Ole schloss bereits die Gartentür des Cafés hinter sich. Ungläubig ließ er den Blick wandern. Das Essen war nicht nur einfach lieblos hingeklatscht, wie Onkel Boris es bei ihm handhabte, sondern hübsch drapiert. Obwohl die Espressotasse eigentlich zu klein dafür war, hatte sich jemand dennoch die Mühe gemacht, eine Blume in den Schaum zu zaubern. Die heiße Schokolade war mit einem Herz gekrönt, während im Tee zwei Erdbeeren und ein Minzstrauch schwammen.

Das Rührei war in einer Schüssel zu einem kleinen Berg aufgetürmt, an dessen Spitze ein wenig Petersilie wie ein Baum stand. Umflossen wurde das Ganze von einem sanften Speckmeer. Dagegen wirkte der Obstsalat beinahe schon unkreativ. Zwar war er kunterbunt mit mehr Sorten, als Raymond in Boris Vorratskammer erwartet hatte, aber schien doch simpel zu sein. Einfach zusammengewürfelt in die Schüssel gegeben. Bis er genauer hinsah und unter der obersten Fruchtschicht Walnüsse und Joghurt entdeckte. Auf dem Teller des Croissants gab es einen Klecks Marmelade, Honig und Schokolade. Die drei kleinen Pancakes waren mit Ahornsirup übergossen und auf dem obersten kuschelten Blaubeeren mit Himbeeren und Brombeeren, unter denen ein Hauch Butter zerschmolz.

Klack. Bevor sich Raymond nach dem verräterisch vertrauten Geräusch umschauen konnte, sprach ihn plötzlich ein kleines Mädchen an. »Also, ich würde mit den Pancakes anfangen. Dann das Rührei. Mama, darf ich mir das auch bestellen?« Verwundert betrachtete Raymond das kleine, kräftige Mädchen, das ihm die Essensanleitung gegeben hatte.

»Xenia, wir wollten ihn doch in Ruhe essen lassen.«

»Wollte ich auch, aber wenn du ein Foto von dem Essen machst, muss ich mir das doch anschauen.« Peinlich berührt kam die Dame einen Schritt näher, legte ihrer Tochter eine Hand auf die Schulter.

»Hättest du doch auf dem Foto machen können. Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung. Wir wollten ihr Frühstück nicht stören.« Trotz ihres mahnenden Tonfalls blieb sie ruhig und erklärend. Was für eine gute Mutter.

»Das macht doch nichts. Ohne deine Hilfe hätte ich nicht gewusst, womit ich hätte anfangen sollen. Sie fotografieren auch? Etwa professionell?« Die Dame lächelte verlegen.

»Professionell? Das wäre wohl zu viel gesagt.«

»Aber Mama«, unterbrach Xenia sie, stemmte die Arme protestierend in ihre Hüften, »du verdienst mit deinen Fotos Geld. Es ist dein Beruf. Hast du mir nicht gesagt, dass professionell und beruflich gleich sind? Sytonyme?« Xenias Mutter lief rot an.

»Synonyme, mein Schatz. Ja, du hast schon recht. Manche Erwachsene unterscheiden dennoch zwischen den Begriffen. Für sie ist nicht jeder berufliche Fotograf professionell.« Xenia kratze sich verwirrt am Hinterkopf.

»Komische Erwachsene.«

»Also, wenn Sie ohnehin hier frühstücken wollten und es nicht zu viel verlangt ist, wären Sie dann gewillt, sich mit mir über die Fotografie zu unterhalten? Ich würde auch etwas von dem Frühstück abgeben, da es dieses Menü nicht einmal auf der Karte gibt.« Unentschlossen blickte die Mutter zu ihrer Tochter, die ihren Blick offensichtlich ungern von dem Festmahl löste.

»Bitte Mama. Ansonsten bekomme ich niemals so ein Frühstück.« Ihre Miene wurde sanft, während sie sich lächelnd an den Tisch setzte und Raymond eine Hand hinhielt.

»Bitte duz mich doch. Ich bin Elfriede Frey.«

»Nicht möglich?«, entgegnete Raymond schockiert. »Hast du an Jochaim Hader den Fotowettbewerb gewonnen?« Sie lachte auf.

»Gewonnen? Raymond Wolf hätte der erste Platz gehören müssen. Warum man ihn mir gegeben hat, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie dachten, dass ich einen Erfolg brauche, um in meiner Zukunft mehr zu sehen, als Vollzeitmama für meinen Liebling zu sein. Eigentlich hatte ich erwartet, ihn spätestens an der Uni zu sehen und kennenzulernen. Aber es sollte scheinbar nicht sein. Trotzdem habe ich sein Bild gerahmt bei mir hängen.«

»Das ehrt mich.« Sie blickte ihn verständnislos an. »Wenn ich mich vorstellen darf, Raymond Wolf.«

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