10 | Darf ich hoffen?

Zufrieden lehnte sich Philomela in ihren Stuhl zurück. Hätte Frau Mayer in der ersten Stunden nicht so pausenlos das Einzelgespräch mit ihr gesucht, wäre sie Miriam gnädiger begegnet. Vielleicht hätte sie sich dazu überreden lassen, ihr bei der Diskussion mit Billy zu helfen. Aber mit den Umständen geschah es ihr gerade recht, dass sie die Konsequenzen für ihre endlosen Spitzen endlich mal tragen musste. Eine andere Wahl hatte Miriam ihr nicht gelassen. Nur wegen des ach so harmlosen Teilens einer neuen Nummer war Frau Mayer der Meinung, sich ihr intensiv widmen zu müssen, wodurch sie schon wieder auf Musik in ihrem Unterricht verzichten musste. Und die Pause hatte Miriam dann auch noch mit ihrem Anruf geraubt.

Ohne den passenden Beat war die Schule nur dröge. Bedauerlicherweise würde sie nun in der zweiten Stunde auch keine Möglichkeit bekommen, dem Drang nachzugehen. Herr Hase war zwar freundlich, aber bei ihm gab es keinerlei Diskussionsspielraum. Dabei war er nicht unfair, solange man seinen Regeln folgte. Leider gab es bei diesen keine Klausel zum Musikhören bei besonders guten Leistungen. Zudem gewichtete er die Mitarbeit genauso stark wie die Arbeiten. Daher blieb ihr nichts anderes übrig, als halbwegs sinnvoll mitzuarbeiten.

Wobei sie sich erfolgreich um die Gruppenarbeiten gedrückt hatte, indem sie diese allein schneller und besser als die anderen in Gruppen abgearbeitet hatte. Daher hatte sie auch immer vor allen anderen präsentiert und stets einen Maßstab gesetzt, dem die Klasse ächzend versuchte hinterherzuhinken. Dank dieser Leistung schien Herr Haase ihre Einzelarbeit zu akzeptieren, wofür sie sehr dankbar war. Was sollten sie durch diese blöden Präsentationen überhaupt lernen? Vor einer Gruppe zu reden? Das mussten sie doch schon, wenn sie sich im Unterricht meldeten.

»Einen wunderschönen guten Morgen. Wie in der letzten Stunde angekündigt, ist es mal wieder so weit. Gruppenarbeit.« Einige ihrer Klassenkameraden seufzten, andere lächelten sich schon verstohlen an. Ihr war das alles ziemlich gleichgültig. Einfach eine weitere Arbeit, bei der sie versuchen sollte, bestmöglich zu glänzen. Bis zu den Abiklausuren waren es nur noch wenige Wochen. Wenn sie schnell fertig war, könnte sie sich wieder dem Lernen dafür widmen.

»Emma? Du arbeitest mit Philomela zusammen.« Wie vom Blitz getroffen schaute Philo von ihrem Buch zu ihrem Lehrer. Was sollte das? Hatten sie nicht eine unausgesprochene Vereinbarung? Wieso triezten sie jetzt alle so kurz vor dem Abi? Hätte ihnen nicht früher kommen können, dass sie an ihr etwas auszusetzen hatten? Ihr Steine in den Weg legen mussten?

Ungläubig beobachtete sie, wie sich die Grüppchen bildeten und Emma sich direkt vor sie setzte. Die blonde, unscheinbare Emma, die mal wieder in einem ihrer Baumwollpullover, heute war es ein sandfarbener, und einem schienbeinlangen marineblauen Rock steckte. Dazu saß ihre braun gesprenkelte Nickelbrille wie immer mittig auf ihrer Nase, sodass sie, wie eine strenge Lehrerin, die einen bei Missetaten erwischte, jederzeit über den Brillenrand hinweg ansehen konnte. War das nicht unangenehm? Immer zwischen der Brille und dem normalen Sehen zu wechseln?

Zwar bemerkte Philo, dass ihre Projektpartnerin etwas sagte, aber sie schaffte es nicht zuzuhören. Dafür rauschte ihr Blut viel zu laut in ihren Ohren. Herr Hase bemerkte natürlich, dass etwas nicht stimmte, kam zu ihnen und hockte sich neben ihren Tisch. Wobei er nicht wirklich in die Hocke ging, sondern vielmehr ein wenig in die Knie, da er gerade einmal so groß war wie die meisten Oberstufenschülerinnen, teilweise sogar kleiner. Wenn sie nicht die ganze Situation schon aus dem Konzept gebracht hätte, wäre es spätestens jetzt aufgrund seines Hemds passiert. Zwar war es nicht ungewöhnlich, dass er Baumwollhemden mit einzigartigen Mustern trug, dafür war er an der Schule bekannt, aber dass er ein Hemd mit einem Trugbild hatte? War das ein Baum? Und das andere Bild? Zwei Tiere?

»Ist etwas nicht verständlich?«, drang Herrn Hases Stimme zu ihr durch. Aus ihrer Trance gerissen, konnte sie endlich wieder einen klaren Gedanken fassen. Wobei ihr Ärger augenblicklich aufkochte. Wie konnte er das so ruhig fragen? War ihm nicht klar, was er mit dieser bescheuerten Idee für sie verursachte?

»Wieso muss ich mit jemandem zusammenarbeiten?«, empörte sich Philo emotionaler als gewollt. Anstatt wie andere Lehrer das Verhalten augenblicklich anzukreiden und sich durch seine Position zu bemächtigen, blieb er vollkommen gelassen.

»Ich habe dich drei von vier Gruppenarbeiten alleine ausarbeiten und präsentieren lassen. Anfangs hatte ich gehofft, du würdest dich von dir aus einer Gruppe anschließen. Wäre das zumindest einmal vorgekommen und ich hätte gesehen, dass du mit anderen zusammenarbeiten kannst, hätte ich das jetzt nicht eingefordert.«

»Aber so kurz vorm Abi-« Sein strenger Blick brachte sie augenblicklich zum Schweigen.

»Ich verstehe, dass es für dich herausfordernd ist. Dennoch wirst du es versuchen. Im Notfall können wir uns immer noch zusammensetzen und miteinander reden. Vernünftig. Bisher haben wir schließlich immer eine Lösung gefunden. Wäre das so weit in Ordnung für dich?« Widerwillig nickte Philo. So was von unnötig. Herr Hase nickte zufrieden und wandte sich ab.

»Hast du unser Thema mitbekommen?«, wollte Emma wissen. Ließ sie das alles kalt? Bisher hatte sie jedes Mal mit einer anderen Gruppe zusammengearbeitet. Sie schien mit allen auszukommen, aber keiner Clique anzugehören. War sie auch eine Einzelgängerin? »Willst du deswegen allein arbeiten? Um deine Gedanken für dich behalten zu können?« Skeptisch schaute Philo sie direkt an. Eine Spitze? Von ihr? Damit hatte sie nicht gerechnet. Aber das Spiel konnten zwei spielen.

»Stört es dich gar nicht, mit mir zusammenarbeiten zu müssen?«, wollte Philo wissen und ignorierte ihre Frage. Emma schaute sie schräg an, als wäre das eine verrückte These.

»Wieso sollte es mich stören, mit unserer Jahrgangsbesten zusammenzuarbeiten? Vielleicht bekomme ich hierdurch noch gute Tipps für die Prüfungen, wenn ich dir nicht im Weg stehe. Ich halt es eher für eine Chance. Etwas, das ich hoffen darf.« Verdutzt betrachtete Philo ihre Klassenkameradin. Diese Formulierung. Sie hatte ihr gar nicht zugetraut, so geschickt das Thema ihrer Präsentation mit ihrer Antwort zu verweben. Also durften sie sich über Kants Grundfrage ›Was darf ich hoffen?‹ ihre Köpfe zerbrechen. Im Unterricht hatten sie diese bisher aber nur beiläufig einmal angeschnitten. Da Philo bereits im ersten Jahr der Oberstufe das gesamte Unterrichtsbuch gelesen hatte, kannte sie es deutlich ausführlicher. Aus Interesse hatte sie noch etwas zusätzlich zu dem Thema recherchiert, in der Hoffnung, ein Diskussionsthema mit Boris zu haben, bei dem sie gewinnen konnte. Jedoch hatte er auch diese Debatte nach Strich und Faden gewonnen. Die wirklich relevante Frage war nun aber, wie viel Emma zu dem Thema wusste.

»Wieso denkst du das hoffen zu dürfen?« Mit der Frage befolgte sie eine von Onkel Boris Taktiken. Immer zuerst den Gesprächspartner möglichst viel seines Wissens preisgeben lassen, damit man die bestmögliche Angriffsfläche für die Debatte hatte.

»Weil ich dir eine Hilfe sein werde.« Zwar wollte Philo sich nichts anmerken lassen, aber sie spürte, wie ihre Augenbrauen skeptisch in die Höhe wanderten. »In unserem Schulbuch ist das Thema auf Seite zweihundertachtunddreißig, wobei es noch ein paar weitere hilfreiche ergänzende Abschnitte in anderen Kapiteln gibt. Hilfreicher sind aber wohl einige passende Bücher aus unsere Stadtbibliothek, wodurch wir auch noch weitere Quellen hätten. Die Schulbücherei können wir uns sparen. Zudem sind dort weder die angenehmen Sitzmöglichkeiten noch die herrliche Ruhe wie in der Stadtbibliothek gegeben.« Sprachlos blieb Philo der Mund offen stehen. Wieso war ihr Emma bisher nicht aufgefallen? War sie genauso diszipliniert wie sie? »Keine Sorge, deinen Rang kann ich dir nicht ablaufen. Ich möchte Philosophie studieren und habe mich dafür schon ein wenig vorbereitet. Also was denkst du? Kann ich auf eine gute Zusammenarbeit hoffen?« Überrascht bemerkte Philo, dass sie schmunzelte. Vielleicht könnte das ja doch ganz interessant werden.

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09 | Streitgespräche