09 | Streitgespräche

»Ole, könntest du mir verraten, mit wem mein Bruder da frühstückt?« Dieser reagierte nicht, blieb regungslos in der Küche stehen und stierte stur in seine Pfanne. Als ob er ihrer Frage mit dieser Kindertaktik entgehen könnte. Inzwischen sollte er es besser wissen. »Na komm, du darfst dich gleich meinem zweiten Frühstück wieder widmen. Hier, schau.« Sie zog ihn am Ärmel aus der Küche und deutete aus dem Fenster. Notgedrungen folgte Ole ihrer Anweisung, seufzte, bevor er antwortete.

»Wer sie genau sind, kann ich nicht sagen. Sie waren gestern Abend schon hier, haben sich mit Boris unterhalten.« Er wollte schon zurück in die Küche gehen, hielt in der Bewegung jedoch inne, um abermals aus dem Fenster zu schauen. »Teilt er einfach ungefragt mein Menü. Frech.« Jetzt schaute sie genauer hin. Auf dem Tablett waren zwei Schüsseln, zwei Teller, dazu drei Tassen und ein Glas. Sie war davon ausgegangen, dass alle drei etwas bestellt hatten.

»Du hast Raymond ein Menü gezaubert?« Oles Knöchel wurden weiß, als er sich wie ein Ertrinkender mit aller Kraft am Griff der Pfanne festklammerte. Zudem schien er etwas blasser zu werden. »Meinem Bruder kreierst du also einen Gaumenschmaus? Währenddessen darf ich mit lieblosen Rührei und deinen Launen zurechtkommen?« Auf einmal funkelte er sie geradezu böse an, als wäre er mit einem Mal selbstsicher. Wo kam das denn her? Wenn er so aufbegehrte, dann konnte sie ihm auch offen sagen, was sie schon viel zu lang störte. »Allen Anderen begegnest du mit einem so sonnigen Gemüt, und was bekomme ich? Genervte Blicke, böses Anfunkeln, hektisches Ausweichen. Dabei-«

»Liebste Miriam«, unterbrach er sie unvermittelt, »verrate mir doch einmal, wieso ich dir meine Sonnenseite schenken sollte? Du scheuchst mich wie deinen persönlichen Sklaven durch diese Küche. Und wenn ich gerade nichts für dich kochen darf, was eine so unglaubliche Ehre ist, soll ich für deine Zweikampfübungen herhalten. An sanften Tagen dir nur beim Sport helfen. Wobei ich immer mitmachen muss. Meine Meinung spielt dabei keine Rolle.« Sie wollte dazwischen grätschen, aber er ließ ihr keinen Raum. »Dabei soll ich dich auch noch deinen Stoff aus der Ausbildung abfragen. Während wir joggen. Und wenn ich zu langsam laufe, weil ich dabei lese, fängst du an, mich zu scheuchen. Ich glaube, ich sollte mit Boris noch mal über mein Gehalt sprechen.« Allein bei dem Gedanken, wie sie ihre dicke Laufente Runde für Runde um den Sportplatz jagte und er quakend versuchte zu protestieren, brachte ihr diabolisches Lächeln wieder hervor. Zwar gab er ihr stets Kontra und beschwerte sich, aber bisher hatte er noch nie wirklich Nein gesagt. Nein hieß nein, das war keine Frage. Zwingen konnte sie ihn nicht. Als Polizeianwärterin wäre das erst recht nicht gut in ihrer Akte gekommen.

So hatte er sich ihr gegenüber allerdings noch nie versucht zu behaupten. Wenn er bloß sehen könnte, wie sehr er sich entwickelt hatte. Eigentlich hatte sie nur spöttisch gefragt, ob er mehr Runden als sie um den Sportplatz schaffen würde. Dass er es als Herausforderung sehen würde, hatte sie nicht erwartet. Aber ein Rückzieher war unmöglich. Dieses eine Training hatte direkt zum nächsten geführt und nun war er beinahe täglich ihr Sparringspartner. Es war erstaunlich, wie verbissen er dran blieb. Ihre andauernden Kabbeleien hatten dafür gesorgt, dass sie noch schlagfertiger wurde, was für die Ausbildung unbezahlbar war. Wobei auch er mit jedem Gefecht gewachsen war.

Aber wenn er sich so beschwerte? Sollte sie ihm einen Ausweg anbieten? Wer würde sie aber dann bei der Stange halten? Mit ihm war sie beim Sport ein wenig motivierter. Auch wenn er sich immer wieder in leichterer Form beschwert hatte, fragte er sie meist, sobald sie sich sahen, was für Höllenqualen sie für diesen Tag geplant hatte. Und dann holte er seine Sportsachen, Laufschuhe oder was er eben benötigte. Inzwischen sogar, ohne dass sie ihn dazu überreden musste. Ihre Ausbildung dauerte noch eine Weile. Nach dem Abschluss könnte sie ihn freilassen. Würde sie ihn freilassen. Davor? Unmöglich. Das konnte sie es nicht ...

Langsam schritt sie auf ihn zu. Er schaute von der Pfanne zu ihr auf. Wie er da stand, mit seiner eng gebundenen Kolibri-Schürze. Fiel ihm auf, dass seine T-Shirts inzwischen mehr schlackerten? Die braunen, schütteren Haare, die er normalerweise immer Millimeter kurz schnitt, waren mittlerweile so lang wie die eines Einjährigen. Sie hatte nie verstanden, warum Frauen bei Babys dahinschmolzen. Bis sie ihm begegnet war. Ihrer kleinen dicken Laufente.

»Wir können ja heute Abend besprechen, wie du meinen Onkel vielleicht dazu bekommst. Entweder bei einem leckeren Menü oder auf der Kampfmatte.« Ole schaute sie verwirrt an, während er ihre Essensbox schloss. Was dachte er wohl? Würde er nach dem Gespräch ablehnen? Ihr Absagen?

»Heute Abend ist aber Laufen dran?«, versuchte er an ihrem lockeren Wochenplan festzuhalten. Sie spürte, wie die Anspannung von ihr deutlich abfiel. Also wollte er trotz Protest dabeibleiben. Wenn das so war, durfte sie keine Angriffsfläche bieten.

»Jetzt nicht mehr«, entgegnete sie keck, stupste ihn in den Bauch und nahm die Büchse. »Es liegt in deiner Hand!« Erleichtert marschierte sie los. Für einen Augenblick war sie wirklich besorgt gewesen. Das würde sie ihn noch spüren lassen. Wenn nicht heute auf der Matte, dann vielleicht morgen auf dem Platz.

Jetzt musste sie sich dem nächsten widmen. Vergangenes Jahr wäre es ihr noch egal gewesen, wenn ihr Bruder im Kolibri frühstückte. Sie wäre wahrscheinlich grußlos zur Arbeit gegangen. Aber jetzt, da er wie ein Trauerkloß ohne Job nur vor sich hin dümpelte, könnte er einen Schubs vertragen. Wobei, in dem Zustand wäre wohl ein kräftiger Tritt angebrachter, damit er wieder richtig in Schwung kam. Also verließ sie das Café durch die Gartentür und steuerte direkt auf ihn zu.

»Hallöchen Bruderherz. Hast du endlich mal den Weg aus dem Bett gefunden?« Raymond funkelte sie böse an. Eins zu null für sie. Erstaunlich, dass er sich überhaupt so früh aus dem Bett gequält hatte. Aber das allein hätte nicht diese Reaktion bei ihm hervorgebracht. War ihm sein Gespräch mit dieser merkwürdigen Frau so wichtig? Wieso hatte sie überhaupt ein junges Mädchen dabei? Zwar konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihr Bruder unvorsichtig gewesen war, dafür war er viel zu ernst, aber wieso die Gelegenheit nicht für eine weitere Spitze nutzen? »Konntest du dich endlich dazu durchringen, Verantwortung zu übernehmen?« Innerlich gab sie sich ein High Five für diese genial ausbalancierte Spitze.

»Wer bist du denn?«, grätschte das kleine Mädchen dazwischen. Schade. Gegenüber Kindern wäre so ein Verhalten nicht fair. Vor allem da es schlichtweg unmöglich war, zu sagen, ob sie einen verstanden.

»Ich bin Miriam, die kleine Schwester von diesem …« Was wäre sinnvoll, ohne für Kinderohren zu gemein zu sein?

»Superfotografen? Meine Mama hat ein Bild von ihm bei uns hängen. Vergangenheit künftig oder so.« Ein eiskalter Schauer lief Miriam den Rücken hinunter. Wieso hatte eine wildfremde Frau dieses Bild? Hing es nicht mehr in der Schule?

»Vielleicht auch das«, antwortete sie verunsichert. Das Klingeln ihres Handys riss sie glücklicherweise aus ihrer Verunsicherung. Kurzerhand blickte sie auf das winzige LED-Display, wobei ihr vor allem die Uhrzeit ins Auge sprang. Verdammt, sie hatte zu lange geschäkert. Sie sollte sich sputen, wenn sie keine Strafrunden nach dem Dienst laufen wollte. »So nett das Plaudern auch war, leider muss ich dringend zur Arbeit. Ich wünsche euch noch einen tollen Tag.« Dann wand sie sich an ihren Bruder. »Wir sehen uns«, flötete sie provozierend, während sie los spurtete. Erst in dem Augenblick las sie den Namen der Anruferin. Philomela. Perfekt.

»Hallo Schwesterlein. Dich wollte ich sowieso anrufen. Könntest du für mich etwas in eurer Schule nachschauen? Oder vielmehr weißt du ob-«

»Du hast mich an Boris verraten!«, unterbrach Philomela sie ungewohnt barsch. Überrascht schaute sie auf ihr Telefon, nur um wirklich sicher zu sein, dass sie mit ihrer kleinen Schwester telefonierte. Verraten? War das nicht ein bisschen hart? Schließlich hatte sie ihrer Lehrerin lediglich eine sinnvollere Nummer zugesteckt.

»Ach komm. So schlimm war es doch nicht. Frau Mayer war verzweifelt und hat mich gefragt. Papa ist nun mal nicht zu erreichen. Da habe ich halt-«

»Mit Billy habe ich gestern Abend darüber geredet«, schnitt Philo sie abermals ab, »und er ist nicht erfreut, dass er in diese Entscheidung nicht mit einbezogen wurde.« VERFLUCHT! Nicht erfreut? Was für eine infernale Kacke. Sie konnte Billys Tonfall genau hören. Bei dieser gestelzten Formulierung war man bei ihm in einem von Dantes Höllenkreisen gelandet. Das konnte sie gar nicht gebrauchen. Nicht so kurz vor der Prüfungsphase. Wie sollte sie die ohne Billys psychologischen Kniffe und Einblicke überstehen?

»Moment, Philo, so war das nicht gedacht. Könntest du bitte-«

»Nö. Ich habe ja auch keine Chance bekommen.« Es tutete in der Leitung. Verdattert blickte sie auf ihr Handy. Verdammt. Das war eine Spitze zu viel.

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08 | Möglichkeiten