11 | Sich einlassen
Unentschlossen schaute Philo von einem Tischende zum anderen. Wann war ihr Tisch das letzte Mal so voll gewesen? Und wie war es überhaupt dazu gekommen? Eigentlich hatte sie nur Raymond angerufen, um ihr vorzuwarnen.
»Hi Raymond, ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass eine Klassenkameradin für eine Projektarbeit mit nach Hause kommt.«
»Ich habe auch Besuch und koche gerade. Weißt du was? Wir kochen einfach für euch mit. Dann könnt ihr vor dem Lernen euch noch mal stärken.«
»Was? Du hast Besuch?« Raymond wirkte aufgekratzt. Geradezu lebhaft. Fast wie in den alten Tagen. War das tatsächlich möglich? Dass sie ihrem echten Bruder wieder begegnete?
»Ja. Also, wir sind gerade auch noch auf dem Weg. Aber in einer Viertelstunde sollten wir mit dem Kochen anfangen können.« Seine Antwort klang so selbstverständlich. Dann sollte sie es wahrscheinlich auch so behandeln.
»Wir waren in der Stadtbibliothek, daher brauchen wir wahrscheinlich etwas länger.«
»Kein Thema. Wenn ihr wollt, könnte ihr mitkochen. Bis gleich.« Anstatt wie sonst zu warten, ob noch etwas von ihr kam, legte er einfach auf. Als wäre alles gesagt. Unsicher schaute sie Emma an, die neben ihr am Bahngleis stand und den Jutebeutel mit ihren ausgeliehenen Büchern trug. Bei ihr sah es so leicht aus, dabei war der Sack durch die dicken Wälzer bleischwer.
Emma hatte nicht zu viel behauptet. In der Bib hatte sie sofort mehrere Bücher zielsicher aus dem Regal gegriffen. Anschließend stöberten sie gemeinsam noch ein wenig, wobei sie einige weitere passende Werke fanden. Hätte sie allein an dem Projekt gearbeitet, dann hätte sie schon mit den Notizen begonnen und ein paar Sätze formuliert. Stattdessen hatte sie bisher mit Emma das Thema einfach diskutiert und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Und irgendwie hatte sie Spaß dabei.
»Was hat er gesagt?«, riss Emma sie aus ihren Gedanken.
»Er hat uns zum Essen eingeladen. Und kochen, wenn wir wollen.« Philo hörte, wie Emmas Magen hungrig knurrte, was im nächsten Augenblick von der einfahrenden U-Bahn übertönt wurde. Gleichzeitig war Emma ein wenig rot geworden, während sie voraus in die Bahn eilte und ihnen einen gemeinsamen Sitzplatz sicherte. Von diesem aus schaute Emma sie direkt erwartungsvoll an, sodass sie gar keine andere Wahl hatte, als der unausgesprochenen Aufforderung zu folgen. Das war anders als mit ihren Geschwistern. Die setzten sich einfach und wenn man nicht rechtzeitig bei ihnen war, wodurch jemand Fremdes den Platz beansprucht haben konnte, war man eben auf sich gestellt.
Die Bahn ruckte, wodurch Philo vielmehr auf den Sitz fiel, wobei Emma sie halb auffing. Dankbar setzte Philo sich und ließ den Blick wandern. Ein moosgrüner Rock, dazu ein zitronengelber Pulli. Die Jutetasche war lavendelfarben und die Lederstiefel braun, als müsste sie zeigen, dass sie dunklere Farben tragen könnte. Auch wenn sie streng schaute, wirkte sie mit der bunten Kleidermischung immer so lebensfroh.
Dagegen fiel sie mit ihrer hellgrauen ausgewaschenen Baggy-Jeans und dem übergroßen schwarzen Kapuzenpullover, der selbst an ihren Brüdern einem Kleid nicht fern wäre, niemanden auf. Was ihr aber eigentlich auch am liebsten war. Blicke bedeuteten Gespräche. Gespräche bedeuteten Momente, in denen sie auf ihre Musik verzichten musste. Und wenn es etwas gab, auf das sie im Alltag eigentlich nie verzichten wollte, dann war es Musik. Ohne das gewisse Grundrauschen fiel es ihr schwer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Wobei das mit Emma erstaunlich gut funktionierte. Selbst hier im Zug konnte sie ihren Gedanken folgen, obwohl nur das Klappern der Bahn und das Gemurmel der Menschen zu hören war.
»Hast du es gehört?«, wollte Emma auf einmal wissen und beanspruchte damit wieder ihre Aufmerksamkeit. Verstohlen blickte sie zu ihr hinüber.
»Deine Antwort zum Essen? Klar und deutlich.« Emma wurde sofort wieder rot. Um den Moment aber nicht wieder peinlich werden zu lassen, lenkte Philo das Gespräch direkt weiter. »Ich muss allerdings dazu sagen, dass mein Bruder gemeint hat, er hätte auch noch Besuch. Aber keine Ahnung, wen er mitgebracht haben kann.« Mit einem dankbaren Lächeln stieg Emma direkt auf diesen Themenumschwung ein.
»Ist das denn so ungewöhnlich?« Unsicher blickte Philo Emma direkt in die Augen, versuchte in sie hineinzuschauen.
Bei Raymond und Miriam hatten es noch alle gewusst. Zumindest hatten die beiden immer wieder davon erzählt, dass eher mitfühlend von Klassenkameraden und Lehrern auf das Thema eingegangen wurde. Aber bei ihr? Meist hieß es nur, dass sie mit dem Nachnamen »Wolf« zu dem Rudel dazugehören müsste. Manchmal wurde auch gefragt, wie es den anderen geht. Weiter wurde nicht auf sie eingegangen. Verlust, Tod und Trauer wurden einfach wie irgendein Unterrichtsthema mit aufgegriffen. Dass sich ihr der Magen jedes Mal dabei umdrehte, konnte sie ja schlecht sagen. Also glänzte sie stattdessen mit Leistungen und probierte, wenn diese Themen aufkamen, immer Kopfhörer zu tragen und in der Masse zu verschwinden.
Obwohl es fast zehn Jahre her war, hatte sich kaum etwas normalisiert. Durch Jackys Abwesenheit war alles aus den Fugen geraten. Die ganze Familie stolperte und stapfte unkontrolliert durchs Leben. Aber war es überhaupt relevant, ob Emma davon wusste? Hätte sie diese Frage dann nicht gestellt? Wahrscheinlich nicht.
»Ja, schon. Sowohl Raymond als auch ich sind meistens eher für uns. Da sind Theodosius und Miriam deutlich sozialer. Vor allem wird auch nur selten jemand nach Hause gebracht, um Papa nicht zu überfordern.«
Emma betrachtete sie nachdenklich. Wägte sie Neugier und Umsicht ab?
»Darf ich denn fragen, was mit deinem Vater ist? Wenn es dir lieber ist, können wir das Thema natürlich klammern.« Umsichtige Neugier. Wobei sie von ihr auch nicht anderes erwartet hatte. Aber wollte sie auf die Frage überhaupt eingehen? Und ein Fass öffnen, dass wahrscheinlich besser geschlossen blieb?
»Die Arbeit verlangt ihm einfach viel ab. Und alleine vier Kinder großzuziehen wirft einen wahrscheinlich vor mehr Herausforderungen, als wir uns aktuell vorstellen können«, entgegnete sie so vage und dennoch nah an der Wahrheit wie möglich.
»Meine Eltern raufen sich meinetwegen ja schon die Haare.« Emma lachte auf. Frei, sorglos. Als wäre nichts dabei. Und am liebsten hätte Philo mitgelacht. Doch es steckte in ihrem Hals fest. Als gäbe es einen Haken, wenn sie sich das erlauben würde. »Wie das als Alleinerziehender für vier sein muss? Puh, darüber möchte ich lieber erst in der Uni philosophieren«, fuhr Emma unbeschwert fort. »Wie viele Stationen müssen wir eigentlich fahren?« Philo schaute zur Anzeigetafel hinauf. Wie konnte das sein? Sie waren doch gerade erst losgefahren? Hatte sie die Ansage zu den Haltestellen schlichtweg überhört?
»Wir müssen hier schon raus«, antwortete sie, stand auf und ging vor. Gemeinsam verließen sie die unterirdische Haltestelle. Dann führte Philo sie wenige Straßen weiter, bis sie vor ihrem Haus stehen blieben.
»Du lebst in einem Haus? Wie krass. Ihr habt sogar einen Vorgarten. Der ist so gepflegt. Ist das viel Aufwand? Muss es wohl sein, so hübsch wie der aussieht.« Verdattert ließ Philo den Blick über das kleine Rasenstück wandern. Okay, sie hatten noch einen Strauch, ein Bäumchen, ein paar Blumen. War das nicht normal? Bei Wind und Wetter krauchte Papa Samstagmorgen durch den Garten. Eine Pause legte er nur ein, um mit frischen Brötchen und einem gemeinsamen Frühstück sich für die weiteren Stunden zu stärken. Manchmal brauchte er Hilfe, wobei er ungern fragte. Meistens formulierte er es indirekt, dass er etwas alleine nicht schaffte oder ihn etwas störte. Wenn man ihm eine Frage zu den Pflanzen stellte, erzählte er begeistert von ihnen. Hier hatten ihn die Lebensgeister noch nicht verlassen. Weshalb auch niemand kritisierte, wie viel Zeit er darin investierte. Da war er einfach für sich. Kümmerte sich geradezu glücklich um alles.
»Ich kenne es gar nicht anders. Mein Papa hat einen grünen Daumen. Samstags sogar wortwörtlich. Du wohnst in keinem Haus?« Sie schloss die Haustür auf, ging hinein und zog ihre Schuhe an der Garderobe aus. Emma folgte ihr zwar, blieb aber direkt mit offenem Mund wieder stehen. Staunend betrachtete sie die Bilder an den Flurwänden. Unausgegoren folgte Philo ihrem Beispiel. Wann hatte sie sich die das letzte Mal angeschaut? Bewusst? Das musste Jahre her sein. Unbewusst? Tagtäglich, da sie an ihnen vorbeigehen musste. Zeitweise hatte sie überlegt, Papa zu fragen, ob sie nicht ein paar abhängen könnten. Aber sie hatte es nicht übers Herz gebracht. Wenn Papa der Meinung war, dass alle schliefen, stand er manchmal mit einem Glas Wein davor und betrachtete sie. Eins nach dem anderen. Als könne er sich nicht sattsehen. Sie hingegen hatte vor Jahren schon genug von ihnen gehabt. Den gleichen Gesichtern, den ausgelassenen Emotionen. Diesem Glück, der Freiheit, dieser ... Vergangenheit.
»Wow, das ist beeindruckend. Hast du dafür posiert?« Verdattert betrachtete sie das Bild, auf das Emma zeigte. Das … war sie? Aber das Bild konnte nicht alt sein? Sie war so groß. War das ein aktuelles Bild? Die Tasse in ihrer Hand? War das Bild von Sonntagnacht? Das Shirt, ihr Shirt, das sie nur zum Schlafen trug …
Mit schnellen Schritten spurtete sie durch den Flur, fand den Missetäter in der Küche. »Wieso hängt da ein Bild von mir in ihrem Shirt im Flur?« Ihr Finger bohrte sich in die Brust ihres großen Bruders, während sie ihm die Frage wie einen Vorwurf entgegenspuckte. Für einen kurzen Moment war er verwirrt, bis er ihr offensichtlich folgen konnte.
»Weil es ihr gefallen würde. Und du für einen Moment einfach du warst. Ein verträumtes Mädchen bei einer nächtlichen heißen Schokolade.«
Lediglich der Kochtopf blubberte im Hintergrund. Das restliche Haus schien mitsamt seinen Bewohnern den Atem anzuhalten. Ein Mädchen. Was sollte das denn heißen? Das sie wie ein Kind wirkte? Verträumt? Sie arbeitete so fleißig. Da würde man sie doch eher als zielstrebig ansehen. Oder dachte er das, weil sie ihm anvertraut hatte, dass sie wirklich der Musik folgen wollte?
»Ich finde, sie sieht auf dem Bild cool aus. Eine junge, erwachsene Frau, die überlegt, wie sie sich und ihr Leben sieht. Dabei in einer vertrauten Umgebung ist, mit Menschen, die ihr Vertrauen genießen. Ansonsten würde sie sich nicht in diesem besonderen, in meinen Augen genialen T-Shirt zeigen«, brachte sich Emma mit einem ganz anderen Blickwinkel ein. Dann ging diese noch einen Schritt auf ihren Bruder zu, hielt ihm ihre Hand entgegen. »Ich bin übrigens Emma. Emma Newton. Eine Klassenkameradin von Philomela.«
Zögerlich schüttelte Raymond ihre Hand. »Angenehm. Raymond Wolf. Ihr großer Bruder. Wobei ich nicht der älteste bin.«
Philo wandte sich von dem Gespräch ab. Wanderte zurück in den Flur, zu dem Bild. Betrachtete sich abermals. Würde es ihr gefallen? Sie probierte es aus ihren Augen zu sehen. Aber es war so lange her. Damals hatte sie mit ihr nur als Kind gesprochen. Was würde sie auf dem Bild sehen? Ein Mädchen? Eine junge Frau?
»Jacky…« Verwundert schaute Philo zur Seite. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Billy das Haus betreten hatte. Er war voll beladen mit mehreren Schüsseln und einer Auflaufform. Aber nicht wie normalerweise, mit leeren Behältern die er zurückbrachte, sondern gefüllten? »Warte… das bist du.« Ungläubig schaute er von dem Bild zu ihr, als würde er sie zum ersten Mal seit einer langen Zeit wirklich sehen. »Du bist so groß geworden. Wann haben wir uns überhaupt zuletzt unterhalten? So ehrlich und frei wie damals?«
Ihre Stimme war schwach. Am liebsten hätte sie ohne zu sprechen geantwortet. Aber die Möglichkeit bot seine blöde Frage nicht. »Ich weiß es nicht.«
»Deine Fragen sind immer weniger geworden«, bemerkte er nachdenklich, »weil du mich nicht verletzten wolltest. Wann bist du denn so erwachsen geworden? Gestern warst du doch noch unser kleines Mädchen.« Billys Stimme war schwer geworden. Aber gleichzeitig strahlte er eine Freude aus, die Philo nicht begreiflich war. »Ich weiß, mit deinen Abi Prüfungen bist du gut eingespannt. Daher will ich dich auch nicht von der Vorbereitung ablenken. Aber dennoch möchte ich dir etwas anbieten, dass wir spätestens nach dem Abi machen werden. Ein ganzer Tag. Offen und ehrlich, wie damals. Keine Sorge, ich bringe uns Schokolade und Taschentücher mit. Wie klingt das?«
Ein Teil seiner Beladung stellte sie zur Seite, den Rest er, als sie in seine Arme fiel und ihn in eine innige Umarmung zog. Erst da spürte sie, wie sehr ihr das Gefehlt hatte. Seine Arme um ihren Körper, dieser Platz an seiner Schulter. Ihrer Schwester hatte die eine gehört, ihr die andere. Es war, als würde diese einfache Berührung so viel der letzten Wochen wegspülen.
Klack!
»Xenia! Du kannst doch nicht einfach Fotos von ihnen schießen.«
»Aber so sind doch alle Bilder hier. Und das sah einfach schön aus. Nach Zuhause.« Ungewollt lachte Philo auf. Frei. Losgelöst. Auch wenn es ihr schwer fiel, war es vielleicht gar nicht so schlecht. Sich einfach Mal auf etwas Neues einzulassen.