05 | Neue Wege

Er las die Worte noch, während er das Café betrat. »Zufriedenheit oder Glück?«, stand auf der Kreidetafel über dem runden Durchbruch zum Tresen. Die Leute diskutierten wie wild eine weitere von Boris’ ach so geistreichen Fragen. Natürlich steckte er mitten im Getümmel, verfolgte die Gespräche und brachte sich überall mit klugen Einfällen ein.

Solange Boris ihn nicht bemerkte, könnte er sich vielleicht zumindest heute um die Frage drücken.

Gekonnt quetschte er sich durch die Menschentraube zum Durchbruch und atmete auf, als er endlich der Meute entkam. Es war, als würden die Leute von einer unsichtbaren Mauer auf der anderen Seite des Durchgangs gehalten werden. Verrückt. Ob sie wohl glücklich waren, wenn sie so gepresst aufeinander standen und miteinander diskutierten? Er würde sich hüten, auch nur einen von ihnen anzusprechen. Denn dann würde er nicht vor Mitternacht aus dem Café kommen. Okay, es gab keine Verpflichtung, weshalb er morgen früh aufstehen musste. Doch Philo sollte rechtzeitig im Bett landen. Also wand er sich zu ihr, die hinter der Theke stand und gedankenverloren an einem Muntermacher-Muffin zupfte.

»Und was ist für dich wichtiger?« Am liebsten hätte Raymond in den Tresen gebissen. Es gab nur eine Person, mit der Diskussionen noch gefährlicher waren als mit Boris. »Banale Zufriedenheit oder flüchtiges Glück?«

Freundlich wand er sich zu Billy, ihrem Cousin. Genauer gesagt Halbcousin, da Onkel Boris ihn aus einem Heim adoptiert hatte. Wobei dieser Begriff ihm nicht gerecht wurde.

Für Papa würde er ein Leben lang sein Schwiegersohn bleiben. Währenddessen war er für Theodosius und Miriam ein Bruder, für den man sich immer Zeit nahm. Die Beziehung zwischen Billy und Philo? Würden sie den gleichen Namen teilen, würde wohl jeder auf jungen Vater und Tochter tippen. Dabei kam für ihn die Frage auf, welchen Platz er eigentlich in der Familie hatte. Denn es gab nichts, was er wie die anderen bieten konnte.

Er zwang sich, Billy in die Augen zu sehen, während er probierte, den wachsenden Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken. Jacky hatte ihn oft aus solchen Situationen befreit, da sie wusste, wie ungern er über seine Emotionen sprach.

»Über diese tolle Frage werde ich mit Philo bestimmt auf dem gesamten Heimweg diskutieren«, entgegnete Raymond und versuchte damit, das Gespräch abzublocken.

»Es ist aber nicht gesund, im Laufen zu essen. Lassen wir sie doch noch in Ruhe ihren Muffin mümmeln.« Raymond blickte zu Philomela, die kurz aufschaute, erst Billy mit einem schüchternen, dankbaren Lächeln belohnte und dann bittend zu ihm schaute, während sie zustimmend nickte. Verdammt, er hatte verloren. »Also? Oder soll ich anfangen?«

»Mit Kippen und Feuer bin ich zufrieden, aber glücklich erst, wenn ich mir eine angesteckt habe.« Die Stille in dem Café war ohrenbetäubend. Genau in dem Augenblick war die Musik ausgegangen und alle Diskussionen schienen eine Pause eingelegt zu haben. Jegliche Augen waren auf ihn gerichtet. Wie Scheinwerfer, die einen fliehenden Sträfling auf frischer Tat ertappten. Raymond wäre am liebsten im Boden versunken. Wieso hatte er sich auch darauf eingelassen?

»Interessanter erster Gedanke. Zufriedenheit und Glück durch ein Laster. Diese Möglichkeit hatte ich bisher gar nicht in Betracht gezogen.« Die Musik setzte wieder ein wodurch die Gespräche wieder anliefen. Dennoch hatte Raymond das Gefühl, von Blicken in seinem Rücken aufgespießt zu werden. »Kannst du dir erklären, warum dir diese Möglichkeit als Erstes in den Kopf kam?«

Weil es die eine Sache war, zu der er immer zurückkommen konnte. Seine Erlösung, die er gerne an den Nagel hängen wollte, aber schlichtweg nicht konnte.

»Sollte ich vielleicht auch anfangen?« Erschrocken schaute er zu seiner Schwester.

»Auf keinen Fall!«, entgegnete Raymond harsch. Zu harsch. Philo zuckte zusammen und Billy schien vorstürmen zu wollen. Verdammt. Wäre sie hier, hätte sie das besser gehandhabt. Er war nicht so gut in solchen Dingen. Noch nie gewesen. Deswegen floh er vor solchen Diskussionen normalerweise auch immer. Einfach an die frische Luft mit einer Kippe.

Das war seine Rolle. Er war nicht wie Theodosius, der als Ältester allen gezeigt hatte, wie man das Leben führen konnte. Oder wie Jacky, die fürsorglich Mamas Platz notgedrungen übernommen hatte. Er war einfach nur Raymond. Der Bruder in der Mitte. Ohne Richtung.

Aber wieso keimte das alles nun dermaßen auf? Weil er seinen Job verloren hatte? Orientierungslos war? Vielleicht. Dabei wäre er gerne glücklich. Aber wenn es nicht einmal etwas gab, das ihn zufriedenstellte, wie sollte er dann jemals mehr erreichen?

»Warum rauchst du dann noch?«, erkundigte sich Philo mit sanfter Stimme. Schuldbewusst schaute er weg. Am liebsten hätte er die Zeit zurückgedreht, einfach seine Reaktion und seine Antwort geändert. Allerdings würde ihm das nicht helfen. Das unsichtbare Gewicht würde ihm weiter auf der Brust sitzen, bis er sich jemandem anvertraut hatte. Es war an der Zeit. Und wenn jemand die Wahrheit verdiente, wieso er Jackys Anweisung nicht folgte, dann war es sie.

»Wegen ihrer Standpauken.« Der Kloß in seinem Hals schien ihm die Luft abzudrücken. Also sprach er schnell weiter, solange er noch Worte herausbekam. »Jedes Mal, wenn ich mir eine anstecke, höre ich sie, als wäre es gestern gewesen. Alle anderen Erinnerungen sind verschwunden. Als hätte es sie nie gegeben.« Gedankenverloren spielte er mit seiner Zigarettenschachtel. Auf, zu, auf, zu. Die Pappklappe war so brüchig, dass sie bald abfallen würde. Was aber nicht schlimm war, weil sie ohnehin nur noch eine Kippe enthiel und er auf dem Rückweg eine neue Schachtel besorgen wollte. Jetzt war es draußen. Eine Wahrheit, über die er niemals sprechen wollte. Und doch musste.

»Möchtest du meine Antworten wissen?« Zögerlich blickte Raymond auf, schaute Billy direkt in die harten braunen Augen.

»Vielleicht, wenn es mir hilft.« Ein sanftes Lächeln setzte sich auf Billys Lippen. Es sah ihrem unfassbar ähnlich. Sie hatte immer so geschaut, wenn sie einen aufbaute.

»Du hast mich mal gefragt, wie ich es denn aushalte, mit den Jugendlichen in den Heimen zu arbeiten, obwohl ich genauso groß geworden bin. Zumindest, bis Boris mich adoptierte.« Für einen Moment wurde Billys Lächeln noch breiter, als erfüllte ihn diese Erinnerung mit Glück. »Durch das Studium und die Zusammenarbeit mit den Heimen bin ich dank dem, was ich Tag für Tag arbeiten darf, zufrieden. Diese Zufriedenheit sorgt dafür, dass ich glücklich sein kann, egal was passiert. Und das liegt ausschließlich in meiner Hand. Ich lebe nach dem Motto ›Du bist deines Glückes Schmied‹. Die Plattitüde mag etwas abgedroschen sein, aber dennoch hat sie einen wahren Kern. Zumindest für mich.«

Sein eigenes Glück schmieden? Durch zufriedenstellende alltägliche Handlungen?

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04 | Zufriedenheit oder Glück?