04 | Zufriedenheit oder Glück?

»Darf ich das hier einfach stehen lassen?« Aus dem Gespräch gerissen, schaute Boris zu dem kleinen Mädchen hinunter. Die Schatten unter ihren Augen schrien einem entgegen, wie viel Schlaf sie verpasst haben musste. Aber da war mehr. Ihre Augen waren gerötet. Wie viel und intensiv hatte sie bloß geweint, damit er es so eindeutig sehen konnte? Der Anblick versetzte seinem Herz einen Stich. Wie häufig hatte er Billys Tränen trocknen dürfen? Zu oft. Sachte kam er hinter dem Tresen hervor und ging in die Hocke, um ihr direkt in die kastanienbraunen Augen zu sehen.

»Natürlich. Hat dir die Schokolade geschmeckt?« Sie zuckte lediglich mit den Schultern, als er ihr die Tasse aus den Händen nahm. Ein Kind, das von so einem besonderen Getränk nicht hellauf begeistert war? Am liebsten hätte er unverblümt nachgehakt, doch er sah, wie sie ihre Hände knetete.

Offensichtlich brannte ihr etwas auf der Seele. Wahrscheinlich würde sie die Frage nicht herausbekommen, wenn er blindlings fragte. Daher hob er die Glasglocke, nahm einen Muntermacher-Muffin heraus und suchte dabei hockend Augenkontakt mit der Kleinen. Dann setzte er sein freundlichstes Baristagesicht auf, während er ihr einen Handel unterbreitete.

»Wenn du möchtest, kannst du diesen Muffin haben. Einfach so.« Ihre Augen weiteten sich. Er hielt ihn ihr direkt vor die Nase, sodass sie seinen Blaubeerschokoladenduft riechen musste. Und während er die Bedingung ergänzte, wollte er am liebsten seine eigenen Hände kneten. »Du musst nur den Worten freien Lauf lassen.«

»Was ist die Frage diese Woche?«, platzte es unvermittelt aus ihr heraus. Ihre Wangen färbten sich peinlich berührt rot. Verwundert blinzelte er die Kleine an. Konnte sie schon lesen? Dabei war sie so klein.

»Xenia? Ist alles gut?« Erschrocken schaute die Kleine über die Schulter. Gleichzeitig rauschte eine junge Frau mit aufbauschendem pechschwarzem Mantel auf sie zu. Packte die Kleine mit ihren in Rosennetzhandschuhen gerüsteten Händen.

»Ich ...« begann sie zögerlich. Die Frau hockte sich zu ihr, strich ihr mit dem Daumen sanft über die Schulter und wirkte wie eine Schutzmauer, die ihre Kleine von der Welt abschirmte. »Ich hab’ gefragt.« Augenblicklich wurde die Haltung der Frau sanfter. Die kampfbereite Walküre wich der liebenden Mutter.

»Wollten wir nicht beim nächsten Besuch einfach schauen?« Verlegen drehte Xenia ihren Fuß hin und her.

»Ich vermute, ihr wollt gehen, da sie ins Bett muss? Wenn du möchtest, verrate ich es dir und du darfst es deiner Mama auf dem Heimweg erzählen. Wie klingt das?« Blitzschnell drehte Xenia sich auf der Stelle um, nickte mit leuchtenden Augen. Verschwörerisch beugte er sich vor und flüsterte dem Mädchen die Antwort ins Ohr.

»Boah, das ist -« Er hielt einen Finger vor seine Lippen, woraufhin sie beide Hände vor ihrem Mund zusammenschlug, um kein weiteres Wort entweichen zu lassen. »Danke Boris«, rief Xenia noch einmal, mit dem Muffin in der Hand, bevor sie den Laden mit ihrer dankbar lächelnden Mama verließen.

»Sehr gerne«, murmelte er, während er schon wieder hinter dem Tresen stand. Ein Blick in den Garten verriet ihm, dass Judith mit Gästen in ein Gespräch vertieft war. Wenn er sich beeilte, könnte er vielleicht fertig sein, bevor sie zurückkam.

Warm lief der Seifenschaum an seinem Arm entlang, als er mit gewohnten Bewegungen Xenias Tasse abspülte. Obwohl sie eine nahezu optimale Spülmaschine hatten, kümmerte er sich abends oft händisch um die Tassen. Es war weder praktisch noch sparte es Zeit. Vielmehr sorgte es sogar dafür, dass Kunden, die an der Theke bei ihm etwas bestellen wollten, sich einen Moment gedulden mussten.

Gleichzeitig hatte es aber zu unvergleichlichen Gesprächen geführt. Eines davon hatte dafür gesorgt, dass der Montag seitdem sein Lieblingstag geworden war. Aber nicht ein beliebiger Moment montags, sondern jeder Montag um einundzwanzig Uhr. Obwohl sie dieses wöchentliche Event erst seit zwei oder drei Jahren veranstalteten, konnte er sich kaum an die Zeit davor erinnern. Fast als ob diese wundervollen Erinnerungen die alten ersetzen würden. Wobei die Montage davor nicht schlecht waren. Nur nicht so besonders.

»Sag mal, brauchen wir die Spülmaschine überhaupt? Eigentlich könntest du dich doch um alles mit den Händen kümmern.« Zu der im dreisten Tonfall anklagenden Frage stellte Judith ihm einen Stapel Teller hin, welche sie offensichtlich von draußen mitgebracht hatte. Langsam hob er den Blick und schaute ihr direkt in die Augen.

»Ohne diese Marotte gäbe es dein Lieblingsevent nicht«, entgegnete Boris gelassen. Judith kniff angriffslustig die Augen zusammen, was er jedoch ausnutzte, um ihr mit einem schaumigen Finger die Nase anzustupsen. Sofort rümpfte sie die Nase wie ein niesender Hase, wodurch sie jegliche Gefährlichkeit verlor und wischte mit ihrem Handrücken so oft über die Stelle, dass sie leicht rot wurde.

Wie immer dauerte es so lange, dass er problemlos die Tasse fertig spülen, abtrocknen, in den Schrank stellen und sogar die Teller in die Spülmaschine packen konnte. Sobald Judith wieder klarkam, knuffte sie ihn sofort in die Seite, was er frech schmunzelnd über sich ergehen ließ. Ob er wohl jemals davon genug haben würde? Vorstellen konnte er es sich nicht.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es endlich Zeit war. Aus einer Schublade nahm er die Kreidepackung, steckte sie in seine hintere rechte Hosentasche, nahm dann die Leiter, die inzwischen auch seit zwei Jahren griffbereit stand, kam hinter dem Tresen hervor und stellte sie, wie jeden Montag, vor dem Rundbogendurchgang auf. Während er hinaufstieg, hörte er, wie die Leute sich hinter ihm scharten. Die weiße Kreide kratzte auf der schwarzen Tafel. Am liebsten hätte er über die Schulter gelinst, aber das hätten alle mitbekommen. Nachdem er die drei Worte geschrieben hatte, kletterte er von der Leiter, trat ein, zwei Schritte zurück, fokussierte dabei nur das Geschriebene. Drehte sich dann zu den Leuten um und fragte mit einer verschwörerischen Miene:

»Jetzt seid ihr gefragt. Was ist wichtiger? Zufriedenheit oder Glück?«

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03 | Zukunftsplan