003 | Zukunftsplan

Müde blickte sie auf ihren schrillenden, leuchtenden Wecker. Kurz nach sechs. Zu früh, wenn jemand nach ihrem Geschmack gefragt hätte. Aber wen interessierte schon der Geschmack einer einfachen Schülerin?

Die nächtliche Schokolade mit Raymond war gut gewesen, aber an sich zu spät. Verbot sie deswegen Mitternachtssnacks für Tartaros? Nicht weil sie an seine Gesundheit dachte, sondern weil sie von sich selbst viel zu gut wusste, dass, wenn sie ihn mitten in der Nacht fütterte, sie noch viel später ins Bett kam? Wahrscheinlich. Von ihrem Gedankenkarussell erschlagen, blickte sie zu ihrem kreischenden Wecker. Sie hatte keine Zeit, um liegenzubleiben. Also stand sie auf, klemmte den Mini-MP3-Player zwischen Hüfte und Unterhose, schottete sich zusätzlich mit ihren Kopfhörern von der Welt ab.

Wie jeden Morgen wurden die alltäglichen Dinge mit jedem verstrichenen Lied ihrer Lieblingsplaylist leichter und ihr Tempo erhöhte sich. Anziehen, frühstücken, den Bus nehmen, vor dem Englischtest noch einmal die Grammatik büffeln, eine Stunde nach der anderen absitzen. Es war, als würden all diese Dinge verfliegen. Die Kopfhörer verließen ihre Ohren auch erst, als ihre Mathelehrerin sanft mahnend am Kabel zupfte. Schuldbewusst nahm sie diese heraus und folgte dann dem drögen Unterricht.

Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wie hielten die anderen das bloß aus? Über Stunden stillzusitzen, irgendwelchen Lektionen folgend, die man sich problemlos aneignen konnte, wenn man das Buch des jeweiligen Fachs einfach las. Am liebsten würde sie nur zu den Arbeiten erscheinen. Bedauerlicherweise wurde von ihr aber verlangt, dass sie ihre Stunden hier absaß. Was für eine Verschwendung. Wie Jacky diese Begeisterung für die Schule haben konnte, verstand sie immer noch nicht. Vielleicht sollte sie Billy fragen. Auch wenn sie das Thema bei ihm nicht gerne anschnitt. Natürlich sprach er mit ihr über ihre große Schwester, seine große Liebe. Aber im Vergleich zu früher sah sie immer mehr, wie sehr sie ihm fehlte.

Mit dem Klingeln der Unterrichtsglocke stöpselte sie die Kopfhörer wieder in ihre Gehörgänge, ignorierte die Mahnung ihrer Lehrerin und stürmte vor allen anderen aus der Zelle. Zurück bei ihrem treibenden Beat war es, als würde sie fliegen, so schnell trugen sie ihre Füße von einem Ort zum nächsten. Erst vorm Eingang des Cafés Kolibri blieb sie wieder stehen.

Inzwischen riefen die Lehrer mit ihren unnötigen Sorgen und Mahnungen nicht mehr bei Papa an. Dieser war arbeiten und die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter löschte sie. Wie die Plagegeister mitbekommen hatten, dass sie mehr erreichten, wenn sie Mahnungen und Beschwerden an Onkel Boris gaben, dem das Café gehörte, hatte sie bisher leider nicht herausgefunden. Raymond hätte sie wohl kaum verpfiffen. Er hätte die Lehrer eher an Billy verwiesen. Oder Theo. Jedoch wäre Theo direkt auf sie zugekommen. Wobei er wohl eher andere Sorgen hatte. Schließlich hielt Theo Junior ihn und seine Flamme auf Trab. Miriam? Verflixt. Sie könnte die Nummer weitergegeben haben. Wieso hatte sie daran bisher nicht gedacht?

Von der Erkenntnis geladen stapfte sie in und durch das Kolibri, schnurstracks hinter den Tresen. Judith, Boris Lebensgefährtin und die gute Seele des Cafés, die im Gegensatz zu ihm immer da war, blickte von ihrem Notizbuch nur für einen kurzen Gruß auf. Boris war wie so oft nirgends zu sehen. »Weißt du, wo Onkelchen ist?« Judith schielte sie über ihre Brille an und probierte ihr süffisantes Lächeln zu verbergen, was ihr aber nicht vollständig gelang.

»Ach, da hat irgendeine Dame einer Schule angerufen. Etwas bezüglich Musikhören im Unterricht und rebellisches Verhalten. Aber dich betrifft das bestimmt nicht.« Philos Blick wurde schmal, aber Judith schaute schon wieder unbekümmert in ihre Notizen.

»Wegen Miriam rufen sie inzwischen hier an, oder?« Abermals schaute Judith auf, doch dieses Mal konnte Philonela ihren Ausdruck nicht lesen. Wusste sie etwas, das ihr entging? Aber was könnte das sein? Ihre Noten waren solide, das Abi war in keiner Weise gefährdet. Klar war ihr Job hier im Café in einem Familienbetrieb, aber damit zeigte sie doch auch, dass sie bereit war zu arbeiten. Sie arbeitete sinnvoll an ihrer Zukunft. Bis darauf, dass sie sich mit ihren Lehrern ein wenig anlegte, hatte niemand einen Grund, sich zu beschweren.

»Wie wäre es, wenn wir uns in Ruhe darüber unterhalten?«, wollte Boris wissen, der durch die Küche auf sie zukam. Offensichtlich hatte er den letzten Gesprächsfetzen mitbekommen.

»Und was, wenn ich mich nicht unterhalten will?«

»Dann darfst du dir selbstverständlich den Tag freinehmen.« Böse stierte sie ihren Onkel an. »Oder du bekommst eine kostenlose heiße Schokolade und wirst dafür bezahlt, dich mit deinem Onkel zu unterhalten.« Er schenkte ihr sein gutmütiges Lächeln, mit dem er jeden zum Schmelzen brachte. Wieso führte er nur ein Café? Jede Diskussion, die Philonela von ihm mitbekommen hatte, schloss er mit diesem Lächeln. Dabei war es egal, ob sein Gegenüber älter, jünger, Student, Professor, Politiker oder Kindergartenkind war, er gewann jede Debatte ausnahmslos. Sogar bei Themen, bei denen sich der andere auszukennen schien, fand Boris Punkte, mit denen er einem argumentativ den Boden unter den Füßen wegriss. Wie er überhaupt so belesen sein konnte, während er ein Café führte, war ein weiteres Mysterium, das sie bisher nicht lösen konnte.

Geschlagen stimmte sie dem Vorschlag nickend zu. Boris Lächeln blieb, wurde weder breiter noch kleiner, während er mit geschulten Handgriffen seinem Handwerk nachging. Obwohl sie ihn zahllose Male dabei beobachtet hatte, war es faszinierend, wie präzise seine Bewegungen waren. Es war, als gäbe es keinerlei Unsicherheit. Hatte er schon so viele Stunden damit verbracht, dass ihm Fehler schlichtweg nicht mehr unterlaufen konnten? Klar, im Vergleich zu ihr hatte er etliche Jahre Vorsprung. Aber dennoch. Inzwischen drückte er sich nahezu immer vor dem Zubereiten von Getränken, weil er lieber in der Küche stand oder mit den Gästen diskutierte. Dass er dabei scheinbar keinerlei Einbußen seiner Fähigkeiten hatte, war geradezu unmenschlich.

Mit dem fertigen Getränk in der Hand ging Onkel Boris voraus durch die Küche ins Treppenhaus, ein Stockwerk hinauf in seine Wohnung über dem Café und setzte sich mit ihr in sein Wohnzimmer. Der Kontrast zu den Möbeln zu Hause erwischte sie jedes Mal kalt. Alle Sachen waren eher schmal, Küchenstühle aus Plastik, ein Sofa mit einem dünnen Stahlgestell, ein Glascouchtisch. Für sie waren massive Holzmöbel so natürlich, dass alles andere zerbrechlich wirkte.

»Kannst du dir vorstellen, warum ich mit dir reden will?«, unterbrach er ihren Gedankenfluss sanft.

»Weil Frau Mayer dich angerufen hat und sich mal wieder über meine ach so schlimmen Frechheiten beschwert hat. Dabei zeige ich in den meisten meiner Kurse, dass man einer perfekten Arbeit sehr nahekommen kann.« Boris nickte bedächtig. Hatte er mit der Antwort gerechnet? Aber wieso stellte er sie dann? Was war sein Ziel?

»Dennoch sorgt sich deine Lehrerin.«

»Dafür gibt es doch gar keinen Grund. Wenn ich die Noten halte, schaffe ich ein sehr gutes Abi. Falls es um das Halten an Regeln geht, kannst du ihr ja bestätigen, dass ich in einem Umfeld, in dem es wirklich gefordert ist, wie bei der Arbeit hier im Café, ihnen tadellos folge. Wo ist das Problem?«

»Ist es nicht ganz schön einsam, so an der Spitze? Von deinem ganzen Jahrgang? Mit wem lästerst du über eure Lehrer? Mit wem triffst du dich zum Lernen?«

»Nach dem Abi gehen wir ohnehin getrennte Wege. Da brauche ich jetzt keine Zeit zu investieren. Schlussendlich …« Ihr blieben die Worte im Halse stecken. Dabei lagen sie klar vor ihr. Warum musste er so etwas Bescheuertes wie Freunde ansprechen. Er wusste doch genau, wer sie war. Dass sie problemlos ohne zurechtkam. Diese ihr eher im Weg stehen würden, als ihr zu helfen.

Boris stand auf und kam auf sie zu. Langsam, immer näher. Sie wollte ihn wegschieben, aber ihre Arme gehorchten ihr nicht. Anstatt ihn fortzudrücken, klammerten sie sich an ihn. Verzweifelt, während in ihr ein Damm nach dem anderen brach. Seine Arme lagen natürlich schützend um sie wie eine geschlossene Bucht.

»Alles wird gut. Du hast noch so viel Zeit. Schau mich an. Nur weil man scheinbar an einem Ort gefangen ist, muss man sich von diesem nicht definieren lassen. Du kannst dich tagtäglich neu erfinden, bis du die Person bist, die du sein möchtest.«

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02 | Zuhause