02 | Zuhause
Seine Schuhe schmatzten, während er zuerst auf die eine, dann auf die andere Hacke trat und hinausschlüpfte. Den schwarzen Regenschirm stellte er neben die Eingangstür. Tropfend sammelte sich das Wasser auf den Steinfliesen. Im Haus herrschte Stille. Als ob alle ausgeflogen wären. Mit patschenden Schritten probierte er lautlos durch den Flur zu schleichen. Dabei versuchte er nicht hinzusehen, zu diesem einen Bild, das für ihn zwischen den unzähligen anderen an den Wänden herausstach. Allerdings hing es auf Augenhöhe neben der Badtür. Bisher hatte er kein einziges Mal wegsehen können. Ganz gleich, ob die Sonne fröhlich schien, der Schnee die Welt zur Ruhe bettete oder der Himmel weinte. Frühmorgens, genauso wie in der stockfinsteren Nacht, ihre Augen trafen sich jedes Mal. Aus Scham? Weil er genau wusste, was sie sagen würde, wenn sie sehen könnte, wie er sein Leben führte? Hielt er sich deswegen eine Standpauke? Für sie?
Eilig schloss er die Tür hinter sich, schmiss ein klammes Kleidungsstück nach dem anderen in die Badewanne, drehte die Armatur bis zum Anschlag und genoss, wie das dampfende Wasser seine kalte Haut und Gedanken versengte. Atmete mit dem heißen Dampf durch. Sein Kopfchaos wurde etwas langsamer und sein Erfolg flackerte auf.
Er hatte es geschafft. Nach so langer Suche hatte er endlich das Bild geschossen. Aber warum brachte dieser lang ersehnte Sieg keine Erfüllung? Weil er davor ein klares Ziel hatte? Und sich nun ein neues suchen musste? Wie gern würde er es ihr zeigen. Sie würde mit ihm feiern, es der restlichen Familie präsentieren, als hätte er etwas wirklich Nennenswertes geschafft. Vielleicht würde sie ihn sogar davon überzeugen, dass er endlich seinen Weg gefunden hatte. Dabei führte er nur fort, was ihre Mama ihm beigebracht hatte. Wann man jemanden darauf ansprach, dass man ihn fotografierte, wann man besser schwieg und für einen Schnappschuss sich die Beschwerde einfing. Anfangs war es nur für sie gewesen. Damit es auch Bilder von ihr und der Familie gab. Mit der Zeit wollte er mehr wissen. Wie belichtete man richtig, wofür stand die Blende, was bewirkte der ISO?
Schwerfällig öffnete er die Augen, beobachtete, wie das Wasser heruntertropfte. Im Hinterkopf ploppten sofort die verschiedenen Einstellmöglichkeiten für unterschiedliche Bildeffekte auf. Wissen, dass er wohl nie mehr abschalten könnte. Wie in Trance verfolgte er, wie ein Tropfen fiel, mit dem Rinnsal zu seinen Füßen eins wurde und im Abfluss verschwand. In dem inzwischen immer makellosen Abfluss. Sie hatte nicht viele Dinge, die er ihr ankreidete. Aber dass sie beim Haarewaschen kein Abflusssieb nutze, hatte regelmäßig zu Zank geführt.
So vernünftig und klug wie sie war, verhielt sie sich in diesem einen Punkt wie ein Kind. Oder eine Teenagerin. Denn er musste das Bad putzen, mitsamt dem Abfluss. Wie oft hatte er einen halben Haarsalon heraus pulen dürfen? Hunderte Male auf jeden Fall. Denn ihm wurde mit sechs der Badputz aufgebürdet und Jacky hatte eine andere Haushaltsaufgabe bekommen.
Damals waren es noch Putzpartys mit Mama gewesen. Unter Mamas und Papas Duschzeug hatte es nie Seifenringe gegeben. Theodosius Flasche lag immer auf der Seite. Als Raymond ihn fragte, warum, hatte sein großer Bruder nur erwidert, er hätte für so eine Firlefanz keine Zeit. Ob sie stand oder lag, er konnte sie immer greifen.
Miriams Flasche hingegen vollführte eine echte Wanderung. Mit abnehmendem Füllstand wechselte sie von stehend zu auf der Seite liegend und für den letzten Rest stand sie immer auf dem Kopf. Zum Schluss meist sogar in eine Ecke gelehnt, damit sie nicht durch das Eigengewicht der Flasche umfiel. Philos stand stets neben Jackys. Sie berührten sich immer. Zeitweise hatte sich noch eine weitere Flasche angekuschelt. Damals, als Billy noch halb bei ihnen gewohnt hatte. Aber jetzt standen da insgesamt nur noch drei. Philos, Papas und seine.
Er stellte das Wasser ab, stieg aus der Dusche und wickelte ein Handtuch um seine Hüfte. Dann öffnete er die Tür. Bevor er einen weiteren Schritt gehen konnte, schlängelte sich Tartaros um seine Beine, umwickelte eins mit seinem Schwanz und maunzte ihn klagend an. Unwillkürlich entlockte es Raymond ein Lächeln, während er in die Hocke ging und das Tier grüßte.
»Hallo Tata. Sehnst du dich wieder nach einem Mitternachtssnack von Onkel Ray? Du weißt, wir dürfen Phi nichts davon sagen, sonst schimpft sie mit mir, weil ich dich verziehe. Und ich muss mir etwas anziehen.« Als ob das Tier jedes Wort verstanden hätte, lief es schnurstracks los und schob seine angelehnte Zimmertür auf. Langsam folgte er, wanderte mit dem Blick über die Bilder an den Wänden. Trotz der Dunkelheit erkannte er in dem fahlen Licht nahezu jedes Bild. Hörte seine Geschwister lachen oder streiten. So viele wunderbare Zeiten, unzählige schöne Augenblicke.
Neben seinem Kopfkissen leuchtete ein paar Augen auf, als er das Zimmer betrat. Ihr kleiner Hausjäger saß immer dort, wenn er ihn besuchte. Was deutlich häufiger geworden war, seitdem er heimlich Mitternachtssnacks verteilte. Blindlings griff er sich eine Boxershorts, Jogginghose und einen dünnen Pullover, schlüpfte in alles hinein. Der April hatte immer noch eisige Nächte. »Na komm«, forderte er die Katze auf, welche augenblicklich an ihm vorbeischoss. Begierig wartend saß sie in der Küche neben ihrem Porzellannapf. Keckerte, da es ihr offensichtlich nicht schnell genug ging.
»Wenn du nicht still bist, werden wir noch erwischt«, mahnte Raymond, woraufhin Tartaros schwieg, mit den Pfoten aber den Vinylboden zu malträtieren begann. Seufzend öffnete er den Hängeschrank, griff die Snacks, die er ganz hinten in einer Ecke versteckte und erkaufte sich damit Tatas Zufriedenheit. Unentschlossen setzte er sich an den Esstisch. Tee? Kaffee? Oder vielleicht doch lieber eine heiße Schokolade? Früher hatte er gar nicht darüber nachdenken müssen. Es gab das, was gerade da war. Bei Jacky war das in der Regel Tee, außer Philo hatte sich Schokolade gewünscht. Wenn Theodosius da war, hatte es immer Kaffee gegeben. Mindestens für ihn. Gedankenverloren strich er über die Zeichen der Zeit in der massiven Tischplatte. Ursprünglich war es das Haus ihrer Großeltern. Wobei es nicht einfach nur ihr Haus war, sie hatten es sogar bauen lassen. Für ihre damalige Familie eigentlich zu groß, auch wenn Mamas Oma noch bei ihnen wohnte. Sie hatten es schon mit dem Gedanken errichtet, es ihrer Tochter und ihrer Familie zu überlassen. Dementsprechend hatten sie es auch eingerichtet. Massivholzmöbel, die zahlreiche Generationen aushalten sollten. Mit ihrer Rente haben sie sich erst in ihr Ferienhaus und als es nicht mehr anders ging, in eine Seniorenresidenz zurückgezogen.
»Du bist wieder da.« Überrascht schaute er auf und entdeckte seine Schwester, die ihn mit leicht schrägem Kopf beäugte. Nun hatte sie ihn trotz aller Mühen erwischt. »Warst du mal wieder wandern?«
»Für einen Moment. Aber hier nicht mehr. Hier komme ich immer an«, entgegnete er melancholisch lächelnd.