01 | Ein Foto
Läutend verriet eine Kirchturmglocke, dass eine weitere Stunde verstrichen war. Verwundert blickte er auf seine Uhr. War es wirklich schon so spät?
Keine Menschenseele war auf der Straße zu sehen. Seine Schritte waren beinahe lautlos auf dem nassen Asphalt. Lediglich der sanfte Nieselregen prasselte unaufhörlich auf seinen pechschwarzen Regenschirm. Müde blickte er erst zum einen, dann zum anderen Straßenende. Seit Tagen hatte er kein gutes Motiv gefunden. Nun suchte er selbst bei diesem miesen Wetter danach. Hatte es überhaupt einen Sinn, so verkrampft danach zu suchen? Würde er es überhaupt bemerken, wenn es vor ihm auftauchte? Oder hatte er es vielleicht schon längst übersehen?
Träge blickte er zum Himmel hinauf. Trotz des zugezogenen Himmels war es noch hell. Keine Straßenlaterne brannte. Irgendwo musste es sie doch geben. Diese eine Szene, die sein Verlangen befriedigen und ihn endlich erlösen würde.
Was sah er da im Augenwinkel? War das ein Stuhl? In einer verlassenen Seitengasse? Mit langen Schritten verkürzte er die Entfernung. Tatsache. Ein klassischer Klappstuhl aus Holz. Trocken, da die Häuser so eng standen, dass der Regen den Boden nicht fand. Allerdings war er in die Jahre gekommen. Der Klarlack schälte sich bereits von den Beinen. Wäre das ein lohnendes Motiv? Vielleicht aus der passenden Perspektive. Doch allein der Gedanke, in die Hocke zu gehen, um einen anderen Blickwinkel zu erhalten, brachte seine Beine zum Protestieren.
Deswegen drückte er einmal prüfend auf die Sitzfläche des Stuhls, bevor er sich erschöpft darauf niederließ. Seinen Schirm lehnte er geschlossen gegen die Hauswand. Aus seiner Jacke kramte er eine Kippenschachtel hervor und zündete sich eine an. Schloss die schweren Lider, während er sich eine weitere geistige Standpauke von seiner älteren Schwester einfing. Jacky hatte ihn immer gnadenlos gescholten, wenn sie ihn beim Rauchen erwischte. Oder es auch nur an seinen Klamotten gerochen hatte. Verpfiffen hatte sie ihn dafür nie. Und nun hörte er ihre Stimme nur noch, wenn er sich eine ansteckte. Was würde er nur geben für eine weitere echte Standpauke.
»Darf ich mir eine schnorren?« Überrascht öffnete er die Augen und erblickte eine junge Frau mit einem tropfenden, türkisfarbenen Mantel. Ihre Stimme war sanft, voller Wärme. Gleichzeitig aber auch selbstsicher. Als wüsste sie schon seine Antwort. Jedoch passte eine Nuance nicht ganz hinein. Aber welche? Es war wie ein Stein im Schuh, den man eigentlich hinausgeschmissen hatte, nach einem weiteren Schritt allerdings das Gefühl bekam, dass da immer noch etwas war.
»Wie bitte?«, fragte er, um seine Gedanken einen Augenblick länger sortieren zu können. Derweil strich sie mit einer lässigen Handbewegung die halb aufgesetzte Kapuze ab und schüttelte den Kopf einmal, um die Wassertropfen, die ihr ansonsten ins Gesicht laufen würden, loszuwerden. Fast schon theatralisch öffnete sie ihren Regenmantel langsam Knopf für Knopf.
Darunter kam ein roter Wollpullover zum Vorschein, dessen enger Rundhals im Kontrast zu den weit ausgeschnittenen Schultern stand. Ihre Brille mit goldener Glashalterung und schwarzen Bügeln passte perfekt zu ihrer schlanken, selbstsicheren Erscheinung. Doch um so etwas scherte der Regen sich nicht und hatte darum ungerührt ihre Brille benetzt. Mit spitzen Fingern nahm sie ihre Sehhilfe ab und begann, diese mit dem Saum ihres Pullovers zu putzen. Sobald sie die gigantischen Gläser wieder vor ihre Augen setzte, konzentrierte sie damit seine gesamte Aufmerksamkeit weg von ihrem Körper, hin zu ihrem Blick.
Ihre gesamte Erscheinung traf ihn wie ein Knockout. Sie gehörte zu diesen Menschen, an denen sich jeder Blick wie selbstverständlich verfing. Moment … hatte sie nicht etwas gefragt? Aber was? Obwohl nur Sekunden vergangen waren, kam es ihm vor, als wären Tage verstrichen. Hatte er mit ihr endlich seine Erlösung gefunden?
Sie schaute ihn mit ihren großen, rehbraunen Augen durchdringend an. »Darf ich nicht?« Nun war ihre Stimme nicht mehr so sicher, vielmehr zögerlich, beinahe verletzt. Er versuchte ihre Verzauberung zu lösen und sich kritisch auf ihre Erscheinung zu konzentrieren. Doch egal, wie oft er mit seinem Blick von ihren schwarzen Chucks, über die Jeans zum roten Baumwolloberteil wanderte, ob sie vierzehn, vierundzwanzig oder etwas dazwischen war, konnte er nicht sagen.
Einerseits wollte er sie einfach betrachten, weil sie objektiv hübsch war. Faszinierend wie eine griechische Götterstatue. Vollkommen selbstverständlich, dass man als Betrachter den Blick nicht lösen konnte. Aber die Ungewissheit, sie damit in Verlegenheit zu bringen, ließ ihn ihre Augen fixieren und den Blick kein Stück mehr wandern zu lassen. Diese Unsicherheit. Wäre sie im Berufsleben oder eine Studentin, dann hätte sie diese bestimmt abgelegt.
»Hast du denn schon geraucht?«, probierte er, eine Stütze für seine Entscheidung zu erhalten, um nicht in Teufels Küche zu geraten. Anstatt zu antworten, legte sie den Kopf kurz schräg, stibitzte blitzschnell seine Zigarette und sog mit voller Kraft den Smog in ihre Lunge. Mit geschlossenen Augen atmete sie genießerisch aus, während sie ihm die Kippe blindlings hinhielt.
»Das dürfte Antwort genug sein«, entgegnete sie mit absolut gelassener Stimme. Jegliche Nervosität hatte sie verlassen. Mit einem für ihr bisheriges Auftreten viel zu kalten Blick schaute sie ihm wieder direkt in die Augen. »Es ist nicht immer, wie es scheint. Bekomme ich jetzt eine ganze?«
Er musterte sie abermals. Verrückt, wie schnell sich die Ausstrahlung eines Menschen verändern konnte. Von dem unsicheren Mädchen war nichts übrig geblieben. Vielleicht hatte er sich das auch nur eingebildet. »Nur gegen zwei Dinge.« Skeptisch verschränkte sie die Arme, blieb aber felsenfest stehen. »Deinen Namen und ein Foto von dir.« Dabei hob er seine Kamera hoch. Ihre Haltung wurde sichtlich entspannter. Mit welcher Forderung hatte sie denn gerechnet?
»Meinen Namen erfährst du nur gegen deinen. Eine Zigarette gegen ein Foto passt mir. Wo willst du es schießen?«
So schnell? Er hatte eigentlich erwartet, dass sie darüber erst nachdenken müsste. »Am liebsten gleich hier, vor dem Ladenfenster.« Er deutete auf das Fenster eines Geschäftes am Anfang der Gasse, das mit gelben und roten Neonröhren ausgestattet war.
»Dann los.« Sie stellte sich vor das Fenster, ließ dabei ihren Mantel in ihre Armbeuge rutschen. Währenddessen betrachtete er sie schon durch den Sucher. Er hatte gedacht, dass er sie bestimmt einweisen müsste. Wie sie optimal stehen würde, damit es die bestmögliche Reflexion im Brillenglas ergab. Wahrscheinlich auch noch sagen, wie sie schauen sollte.
Doch der Winkel, der Blick, ihr Gesichtsausdruck, ihre Haltung, die Pose war absolut perfekt. Lediglich er musste die passende Schärfe und Lichteinstellung bei der Kamera treffen. Beeindruckt drückte er ein einziges Mal den Auslöser und wusste, dass es perfekt war. Gebannt nahm er die Kamera herunter, um die Szene unmaskiert mit den eigenen Augen zu sehen. »Wurdest du schon professionell fotografiert?«, wollte er von ihr wissen.
Anstatt zu antworten, entgegnete sie nur mit einem mysteriösen Lächeln: »Ich habe meinen Teil erfüllt. Jetzt bist erst mal du dran.« Unverzüglich reichte er ihr eine Zigarette und zündete diese an. Als ob sie den ganzen Tag auf nichts anderes gewartet hatte, sog sie abermals voller Genuss, verschluckte sich und begann fürchterlich zu husten. Besorgt wollte er ihr zu Hilfe eilen, doch sie hob sofort die Hand, um ihm zu deuten, dass sie allein klarkam. Dann atmete sie tief durch die Nase ein, beruhigte sich. »Das passiert wohl, wenn man etwas zu bewusst versucht, zu genießen.«
»Da würde ich dir widersprechen. Du hast es eher zu sehr forciert. Dieser Zug sollte ›der perfekte‹ sein, dabei hattest du den eben an meiner Zigarette. Ich bin übrigens Raymond. War dein Tag denn so anstrengend?« Ein Lächeln huschte über ihre Lippen.
»Damit könntest du recht haben. Aber ich muss dich enttäuschen, Raymond. Small Talk gibt es nur für die, die mir einfach so eine Zigarette überlassen. Doch im Gegensatz zu ihnen erfährst du meinen Namen. Das war jetzt deine Begegnung mit Ophelia.« Wie selbstverständlich vollführte sie nach diesem Satz eine Pirouette, die sie mit einem leichten Knicks abrundete, als ob sie eine Adelige wäre. Wortlos lächelnd ging sie mit dieser Verabschiedung, ohne zurückzuschauen.
»Vielleicht sieht man sich noch mal«, rief Raymond ihr hinterher, hoffte, sie würde sich noch mal umdrehen, damit er dieses faszinierende Lächeln noch mal sehen durfte. Aber sie hob die Hand mit ausgestrecktem Arm über ihren Kopf und winkte ganz sanft, als ob ihr Arm wie ein Ast liebevoll vom Wind gewiegt wurde.